Francisco Fernandez: Virtuose der Bankensoftware

01.12.2014 | Alumni Porträts

Von:  Samuel Schlaefli

Der Avaloq-CEO Francisco Fernandez ist ein Getrie­bener. Trotz Vervierfachung von Umsatz und Mitarbeiterzahl seit Beginn der Finanzkrise mag er sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Seine Mission: Banking komplett neu denken und dafür die besten Lösungen entwickeln.

Fernandez Alumni P.

Francisco Fernandez’ Büro am Zürcher Hauptsitz von Ava­loq ist zweigeteilt: Eine halb in den Raum gebaute Wand trennt den geschäftigen Teil, wo ein vielbenutzter Flipchart steht und Diagramme an der Wand hängen, vom musi­schen Teil, der komplett von einem schwarzen Flügel ein­genommen wird. An diesen setzt sich der Firmenchef gele­gentlich, wenn ihm der Kopf zu rauchen beginnt. Das zweigeteilte Büro ist auch eine Erinnerung an eine der wichtigsten Entscheidungen, die Fernandez als junger Ma­turand und begabter Pianist treffen musste: Sollte er eine Laufbahn als Jazzmusiker einschlagen oder vielleicht doch eher eine Karriere als Informatikingenieur anpeilen?
Fernandez entschied sich für Letzteres, studierte an der ETH Informatik, dann Business Administration und entwi­ckelte kurz darauf eine Bankingsoftware, die auf dem Weg zum Branchenstandard ist. Gleich zu Beginn unseres Ge­sprächs will ich wissen: Wie sieht der Arbeitstag eines CEOs aus, dessen Geschäftsumsatz und Mitarbeiterzahl sich in den vergangenen sechs Jahren vervierfacht haben und der mittlerweile 1600 Mitarbeitende in 20 Ländern führt? Fernandez legt einen Kalenderausdruck auf den Tisch: 13 Sit­zungen sind für den heutigen Tag eingetragen – Bespre­chungen zu Personalentwicklung, Unternehmensstrategie, Marketing, Forschung und Entwicklung. Wahrscheinlich wird er auch heute wieder erst nach Mitternacht zuhause sein, genauso wie gestern schon. «Meiner Frau habe ich damals nach der Gründung von Avaloq versichert, das sei nur während der Anfangszeit so. Das ist nun schon fast 20 Jahre her», sagt Fernandez selbstironisch.
Der Grund für die enorme Geschäftigkeit: «Avaloq be­findet sich mitten in einer Branche, die sich seit der Finanz­krise radikal verändert.» Der Beinahezusammenbruch des Finanzsystems von 2008 entpuppte sich mittelfristig als einmalige Chance: «Es ist ein wenig wie damals nach der Krise der Schweizer Uhrenindustrie», erklärt der Avaloq- CEO. «Wir müssen das Banking komplett neu erfinden – und Avaloq steht im Auge dieses Hurrikans.»

«Ich wusste sofort: Das muss besser gehen.» Francisco Fernandez

Fernandez wird den Swatch-Boss Nicolas Hayek während des Ge­sprächs mehrmals erwähnen. Die beiden verbindet die Ge­schichte des erfolgreichen Secondos – Fernandez’ Eltern kamen einst aus Spanien als Arbeiter in die Schweiz. Und es verbindet sie ein leidenschaftliches Unternehmertum mit dem Anspruch, eine ganze Branche zu revolutionieren.

Der heutige Erfolg von Avaloq nährt sich noch immer von einer Erkenntnis, die der frischgebackene ETH-Abgänger Anfang der 1990er-Jahre bei der BZ Bank gewann. Er hatte soeben sein Studium abgeschlossen und kam bei einer Kontaktparty ins Gespräch mit Vertretern der Bank. «Die suchten damals 20 Informatiker für ein 15-köpfiges Ban­kingteam. Das fand ich interessant.» Fernandez begann, finanzmathematische Programme für die Preissetzung von Derivaten zu schreiben. Nach drei Jahren bekam er die Aufgabe, die sein Leben verändern sollte: ein geeignetes Informatikabwicklungssystem zu suchen, das den steigen­den Anforderungen der Bank an ihre IT gerecht würde. Nach einer internationalen Best-Practice-Recherche war er ernüchtert: «Über 90 Prozent der Banken bauten damals ihre eigene Software – lauter Individuallösungen mit deso­laten Softwarearchitekturen.» Was er dort sah, hatte mit dem, was er an der ETH gelernt hatte, nichts zu tun. «Ich wusste sofort: Das muss besser gehen, dahinter steckt ge­waltiges Marktpotenzial.»

«Wir würden gerne noch viel mehr ETH-Absolventen einstellen.» Francisco Fernandez

Nach einem Management Buyout der BZ Informatik wurde Fernandez 1991 praktisch über Nacht zum Unternehmer. Zwischen 1994 und 1997 entwi­ckelte sein vierköpfiges Team eine erste Softwarelösung für die Schweizer Bankenindustrie. 2001 folgte der Namens­wechsel zu Avaloq, ab 2005 die Ausdehnung auf den inter­nationalen Markt, mit je einer Niederlassung in Luxem­burg und Singapur – und dann kam die Finanzkrise.
Nach dem Beinahecrash vieler Banken wurde Banking aufwendiger und teurer; die Margen schrumpften. Die neuen Regulierungen bedeuten viel Arbeit, während die Anforderungen der Kunden weiter steigen. Das spielt Ava­loq in die Hände: Automatisierung und Standardisierung von Geschäftsprozessen sind seither nicht mehr nur «nice to have», sondern überlebenswichtig. 150 Banken nutzen heute die «Avaloq Banking Suite». Allein im Wealth Ma­nagement werden darüber drei Billionen Franken verwal­tet. «Das gibt uns die Möglichkeit, gemeinsam mit unseren Kunden und Partnern einen De-facto-Standard in der Banken- IT zu schaffen», sagt Fernandez. Hinzu kommt, dass die Bankenregelungen komplizierter, schärfer und nationaler ge­worden sind. «Heute ist es für Kundenberater, die Banken­produkte global verkaufen, praktisch unmöglich, alle Re­geln für die verschiedenen nationalen Jurisdiktionen auswendig zu kennen. Sie brauchen intelligente Software, die sie dabei unterstützt.»
Bei Avaloq setzen sich heute 45 Spezialisten allein mit der Steuerproblematik der unterschiedlichen Märkte aus­einander. Die meisten kommen aber nicht aus dem Finanz­sektor, sondern sind Ingenieure. «Oft sind Ingenieure in juristischen und bankfachlichen Fragen sehr versiert. Denn wer Finanzdienstleistungen programmiert, muss die Sache bis aufs Bit hinunter verstehen.» Fernandez macht auch einen Unterschied zwischen Programmierern und Ingenieu­ren. «Der eine erhält Lösungen und führt sie aus, der an­dere denkt analytisch und erfindet neue Lösungen.»
Die ETH sei bis heute eine wertvolle Quelle für Talente, die genau das können, erzählt Fernandez. «Wir würden gerne noch viel mehr ETH-Absolventen einstellen. Doch wir müssen uns die Informatiker mit Banken und IT-Unter­nehmen teilen.» Dies war ein Grund für den Aufbau eines zusätzlichen Forschungs- und Entwicklungszentrums in Edinburgh. Zürich bleibt als Standort wichtig und Fernan­dez ist der ETH bis heute stark verbunden. Er sitzt im Stif­tungsrat der ETH Zürich Foundation, berät als «Business Angel» Jungunternehmer und unterstützt die Hochschule auch als Donator. «Gerade als Secondo spüre ich eine tiefe Dankbarkeit für die Chance, die mir die ETH damals bot.»
Bei Avaloq stehen die Zeichen nach wie vor auf Wachs­tum. Zuletzt konnte das Unternehmen ein Joint Venture mit der Raiffeisenbank und die Übernahme von Outsour­cing-Dienstleistungen für die Deutsche Bank in Singapur verkünden. Für 2014 ist ein Umsatz von rund einer halben Milliarde Franken budgetiert. Hat man bei solch schwin­delerregendem Erfolg nicht manchmal auch Angst, dass der Höhenflug irgendwann vorbei sein könnte? «Ständig», gesteht Fernandez unumwunden. Deshalb sei er immer «on alert», nie zufrieden mit dem Status quo, bestrebt, sich und seine Leute aus der Komfortzone zu treiben. Das ge­höre für ihn zur Kreativität des Unternehmers, genauso wie auch zu derjenigen des Jazzmusikers.
Manchmal, wenn Fernandez im KKL Luzern dem chine­sischen Pianisten Lang Lang beim Chopinspiel zuhört oder in einem Klub dem dominikanischen Latin-Jazz-Pianisten Michel Camillo, träumt er davon, selbst wieder auf der Bühne zu sitzen; davon, wie es gewesen wäre, wenn er sich vor über 30 Jahren doch für eine Musikkarriere entschie­den hätte. Bereuen tue er nichts, betont Fernandez, «aber es könnte sein, dass ich mit 65 doch noch eine Karriere im Musikbusiness starte, vielleicht als Produzent.»

Zur Person

Francisco Fernandez (51) hat spanische Wurzeln und ist in Luzern aufgewachsen. Er studierte Informatik an der ETH Zürich sowie Betriebs­wirtschaftslehre am Betriebswissenschaftlichen Institut (BWI) der ETH. Heute ist er CEO der Avaloq Gruppe, die Softwarelösungen für die Bankenindustrie entwickelt und damit verbundene Business-Process- Outsourcing-Dienstleistungen anbietet.

 
 
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