Katja Fink: Vier auf einen Streich

01.03.2014

Von:  Felix Würsten

Die Immunologin Katja Fink hat sich eine an­spruchsvolle Aufgabe vorgenommen: In Singapur versucht sie mit ihrem Team, einen wirksamen Impfstoff gegen das Denguefieber zu entwickeln. Dabei muss sie gleich vier verschiedene Erreger in Schach halten.

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50 bis 100 Millionen Menschen, so schätzt die Weltgesund­heitsorganisation WHO, erkranken weltweit jedes Jahr an Denguefieber. Die Krankheit, die sich zumeist in grippe­ähnlichen Symptomen äussert, gilt als äusserst tückisch: Bei rund 500 000 Patientinnen und Patienten nimmt sie einen schweren Verlauf, 22 000 Personen, vorwiegend Kinder und junge Menschen, sterben sogar daran. Eine spezifische Behandlung der Krankheit, die vor allem in den Tropen und Subtropen vorkommt und von Stechmücken übertragen wird, gibt es bis heute nicht. Und ebenso fehlt bis jetzt eine wirksame Impfung.
Genau dies möchte Katja Fink ändern. Die Wissenschaftlerin arbeitet als Principal Investigator am Singapore Immunology Network, einem staatlichen Forschungsinstitut mit rund 200 Mitarbeitenden, das zur Agency for Science, Tech­nology and Research gehört. Vor wenigen Monaten konnte sie bei ihrer Suche nach einem wirksamen Impfstoff einen ersten Erfolg vermelden, der auch in den lokalen Medien grosse Beachtung fand. Sie hat einen Ansatz entdeckt, der es dem Virus verunmöglicht, sich dem menschlichen Im­munsystem zu entziehen.
Das Denguefieber beschäftigt Katja Fink schon etliche Jahre. «Eigentlich würde ich als Forscherin auch gerne noch andere Krankheiten bearbeiten, doch das Thema ist derart vielfältig, dass ich mich nun ganz auf dieses Gebiet konzentriere.» An dieser Ausrichtung wird sich so schnell wohl nichts ändern. «Wenn wir in fünf Jahren einen Dengue-Impfstoff hätten, wäre ich sehr stolz», steckt sie den Zeitrahmen ab. Und was ist, wenn der nun eingeschlagene Weg in die Sackgasse führt? «Dann werden wir Plan B weiterverfolgen», meint sie überzeugt. «Ich habe viele Ideen, was man sonst noch machen könnte.»
Einen wirksamen Impfstoff gegen das Denguefieber zu entwicklen, ist nicht ganz einfach. Denn beim Dengue-Erreger handelt es sich eigentlich um vier verschiedene Viren, die alle nach etwas anderen Gesetzmässigkeiten funktionieren.

«Wenn wir in fünf Jahren einen Dengue-Impfstoff hätten, wäre ich sehr stolz.» Katja Fink

Die Herausforderung besteht also darin, eine Impfung zu entwickeln, die gegen alle vier Virentypen gleich gut schützt. «In der Regel wirkt ein möglicher Impf­stoff nur gegen einen oder zwei Erreger, aber nicht gegen alle vier, weil der menschliche Körper unterschiedlich schnell eine Immunantwort auf die verschiedenen Viren entwickelt», erklärt Katja Fink. Dazu kommt noch eine an­dere Schwierigkeit: Bis vor kurzem fehlte der Forscherin für ihre Arbeit ein gutes Mausmodell. Der Grund: Mäuse sind von Natur aus immun gegen die Dengue-Viren. Will man ein Versuchstier haben, das nicht immun ist, muss man bei ihm zuerst die natürliche Immunabwehr ausschal­ten. Doch wenn man später einen entsprechenden Impf­stoff testen will, kommt einem genau dies in die Quere – denn damit der Impfstoff wirken könnte, müsste das Immunsystem ja wieder aktiviert werden. «Wir sind nun so weit, dass wir ein Mausmodell zur Verfügung haben, das sich für unsere Forschung eignet», erklärt die Forscherin.
Zu ihrem ursprünglichen Studiengebiet Biochemie kam Katja Fink Mitte der Neunzigerjahre eher per Zufall. «Im Gymnasium wusste ich nicht einmal, dass es dieses Fach gibt.» Erst als sie sich über die möglichen Studienrichtun­gen informierte, erfuhr sie davon – und schrieb sich umge­hend für dieses Fach an der Universität Zürich ein. Im Rückblick war es genau die richtige Wahl, hat ihr doch das Studium von Anfang an sehr zugesagt. Nach dem Diplom­abschluss wechselte sie an die ETH Zürich zu Hans Hengart­ner, der zusammen mit Rolf Zinkernagel das Institut für Experimentelle Immunologie leitete.

«Die enge Zusammenarbeit mit den Medizinern erlebte ich als sehr bereichernd.» Katja Fink

Bei ihm untersuchte sie, wie die B-Zellen des Immunsystems auf eine Infektion mit dem Varizella-Zoster-Virus reagieren. «Hengartners Gruppe war räumlich in der Pathologie des Universitätsspi­tals Zürich untergebracht», erinnert sich Fink. «Dadurch kam es zu einer engen Zusammenarbeit mit den Medizi­nern, die ich als sehr bereichernd erlebte.» Heute versucht sie in Singapur, ihre Kollegen davon zu überzeugen, dass eine engere Kooperation mit den Medizinern lohnend wäre – bisher mit wenig Erfolg, wie sie einräumt.
Dass sie nach dem erfolgreichen Abschluss der Doktor­arbeit und einer kurzen Zeit als Postdoc am Unispital den Weg nach Singapur fand, verdankt sie wiederum einem eher glücklichen Zufall. «Ich wollte ins Ausland gehen – aber nicht in die USA», hält sie fest. Zunächst peilte sie eine Forschungsstelle in Australien an. Doch dann las sie in einer Fachzeitschrift einen Beitrag über das Novartis Institute for Tropical Diseases in Singapur. Bei einem Besuch vor Ort merkte sie schnell, dass ihr das Institut zusagte. Und so heuerte sie dort in der Dengue-Abteilung als Postdoc an.
Der Umzug in den asiatischen Kleinstaat war ein mar­kanter Wechsel. Vor allem die Umgangsformen am neuen Arbeitsplatz empfand sie als gewöhnungsbedürftig. In den Alltag in Singapur hingegen hat sie sich schnell eingelebt. «Singapur ist ja vergleichsweise westlich. Und als Schwei­zerin schätze ich, dass öffentliche Dienste und Einrichtun­gen gut organisiert und sauber sind», berichtet Fink. Einzig die Berge vermisst sie – und Orte, wo man wirklich seine Ruhe findet. «Singapur ist extrem dicht bevölkert. Und seit ich hierhergezogen bin, hat das Land nochmals ein enor­mes Wachstum erlebt. Nur an ganz wenigen Orten nimmt man heute keinen menschlichen Lärm mehr wahr.»
Ruhe findet sie beispielsweise auf ihren Trainingsläufen im Wald. Als passionierte Ultratrail-Läuferin, die zwischen­durch Bergrennen in Asien oder Europa absolviert, musste sie in Singapur zuerst geeignete Trainingsmöglichkeiten finden. «Es gibt eine Reihe von Hochhäusern, die sich dazu eignen», meint sie lachend. «Und es gibt einen 169 Meter hohen Hügel, der technisch durchaus herausfordernd ist.» Dass man auch in einem flachen Land wie Singapur Berg­rennen durchführen kann, erlebte sie kürzlich: Bei einem Rennen mussten die Läuferinnen und Läufer den Hügel mehrmals bezwingen. Am Ende kamen so über 6000 Höhen­meter zusammen.
Sie könne sich durchaus vorstellen, noch länger in Singa­pur zu leben. «Ich fühle mich heute nicht mehr so stark als exotische Ausländerin wie am Anfang.» Und als Vizepräsi­dentin des ETH Alumni Chapters Singapur ist sie inzwi­schen auch gut mit anderen Ehemaligen der Hochschule vernetzt. «Wir führen regelmässig Anlässe durch, teilweise auch gemeinsam mit den Alumni-Organisationen anderer Schweizer Hochschulen», berichtet sie. Letztes Jahr etwa trafen die Schweizer Alumni Bundesrat Johann Schneider-Ammann, der dem Singapore-ETH Centre einen Besuch abstattete. Wie lange Katja Fink tatsächlich in Singapur bleiben wird, hängt auch davon ab, wie sich ihre Arbeit entwickeln wird. «Ich hoffe, dass unser Ansatz für eine Dengue-Impfung in den kommenden Tests erfolgreich ab­schneiden wird», erklärt sie. Eine interessante Erfahrung war für sie auch die Zusammenarbeit mit den Abteilungen, die sich mit der Kommerzialisierung wissenschaftlicher Resultate befassen. «Ich habe viel darüber gelernt, was es alles braucht, damit aus einem vielversprechenden Ansatz im Labor ein Medikament wird, das man in der Klinik an­wenden kann.»

Zur Person

Katja Fink hat an der Universität Zürich Biochemie studiert und anschliessend an der ETH Zürich am Institut für Experimentelle Immunologie promoviert. Heute arbeitet sie als Principal Investigator am Singapore Immunology Network und als ausserordentliche Assistenzprofessorin an der Nanyang Technological University in Singapur. In ihrer Arbeit befasst sie sich schwergewichtig mit der tückischen Tropenkrankheit Denguefieber.

 
 
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30.04.2017
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