Der längste Eisenbahntunnel der Welt

05.05.2015 | Alumni Connect

Von:  Nicole Frick & Muriel Fischer

Am 14. und 21. März 2015 besuchten je rund 40 Alumni der London School of Economics (LSE), des Massachusetts Institute of Technology(MIT), und der ETH Zürich den Gotthard-Basis-Tunnel. Beide Daten waren innerhalb kürzester Zeit ausgebucht.

08.10 Uhr, Zürich HB: Die Alumni aus Zürich versammeln sich beim Treffpunkt in der grossen Bahnhofshalle. Einige der Teilnehmer scheinen sich bereits zu kennen, die anderen stellen sich gegenseitig vor. Bepackt mit Vorfreude und einer guten Portion Neugierde macht sich die Gruppe auf zum Gleis 5, wo der Zug mit Ziel Luzern wartet.

Die zwei Termine für die Besichtigung des Gotthard-Basis-Tunnels, des mit rund 57 Kilometern längsten Eisenbahntunnels der Welt, waren in Kürze ausgebucht. Wir fragen uns, welche Motive hinter dem grossen Interesse der Teilnehmer stecken. Warum sind sie heute hier? „Einen Tunnel dieses Ausmasses zu besichtigen, ist eine einmalige Möglichkeit, die ich unbedingt nutzen möchte“ meint ein Alumnus. „Zudem finde ich es immer toll, neue Alumni kennenzulernen und mein Netzwerk zu erweitern.“ Stephanie, eine der eher jüngeren anwesenden Alumni, interessiert sich vor allem für die technischen Aspekte. Sie sagt: „Ich möchte verstehen, welche Technik und was für Maschinen hinter dem Bau des längsten Tunnels der Welt stecken.“ Einige erwähnen, dass sie bereits bei anderen Tunnelführungen dabei waren. Gian Lorenzo zum Beispiel, er besichtigte die Durchmesserlinie, oder Raphael, er besuchte schon ein Salzbergwerk in Österreich. Ein anderer junger Mann fällt auf: „Das ist mein Sohn!“, informiert mich Alumnus Georges. Sein Sohn studiere Civil Engineering an der ZHAW und sei daher sehr interessiert am Bau des Tunnels und insbesondere an den Herausforderungen für die Ingenieure.

Vorbei am Rütli, hin zum Gotthard

Nach rund einer Stunde fahren wir im Bahnhof Luzern ein. Es geht direkt weiter zum Peer 1, wo wir die anderen Alumni-Delegationen aus Genf, Bern, Basel und St. Gallen treffen. Die ca. 40-köpfige Gruppe fährt mit dem Schiff nach Erstfeld. Während des sehr guten Mittagessens an Bord ergeben sich wiederum Gelegenheiten, die anderen Teilnehmer kennenzulernen und uns über die Faszination rund um das Jahrhundertbauwerk, den Gotthard-Basis-Tunnel, auszutauschen. Plötzlich leert sich der Speisesaal, die Teilnehmer stürmen mit ihren Fotokameras auf Deck. Was es da wohl zu sehen gibt? Beim genaueren Hinschauen wird das Geheimnis gelüftet: Wir haben gerade die Haltestelle Rütli passiert. Für viele der ausländischen Alumni eine gute Gelegenheit, die geschichtsträchtige Rütliwiese einmal selber auf Bild zu bannen. Es fand eine regelrechte Jagd um‘s beste Foto statt.

Ausstellung im AlpTransit Info Center

In Erstfeld angekommen, besuchen wir das AlpTransit Info Center, wo wir über die Geologie des Gotthard und das Grossprojekt NEAT – die neue Eisenbahn-Alpentransversale, zu der der Gotthard-Basis-Tunnel gehört, informiert werden. Mit anschaulichen Modellen und Videos werden die Besucher mitgenommen auf eine Reise durch den Gotthard und den Bau des Tunnels. So passieren wir während unserem Rundgang zum Beispiel den Miniaturnachbau der riesigen Tunnelbohrmaschine. Eine anderen Station zieht sofort das Interesse der ETH Alumni auf sich: Die Bücher der beiden ETH Professoren Robert Fechtig und Richard Siniger sind in der Ausstellung ausgelegt. Sie thematisieren das NEAT Programm und dessen Leistung. 

Die Besucher des Anlasses und ETH Alumni können diese Bücher einmalig für CHF 20.00 hier bestellen. Wir möchten hier den beiden Alumni ganz herzlich für diese grosszügige Möglichkeit danken.

Alp Transit Info Center

Zu Fuss über das Zugtrasse

Nach einer kurzen Busfahrt erreichen wir den Alpsteg, wo der Einstieg in den Tunnel beginnt. Da dies nicht ganz ungefährlich ist, erhalten wir als erstes eine kurze Sicherheitseinführung, Helm und Sicherheitsweste sind unerlässlich. Tief im Berg herrscht grosse Wärme, so dass wir auch Mantel und Pullover gleich hier lassen. Und dann geht es los. Wir fahren 1.8 km in den Berg hinein. Die Grösse des Tunnels ist beeindruckend, die Atmosphäre ungewohnt. Normalerweise würde man diesen Ort in einem bequemen Zugabteil passieren. Nun stehen wir hier und erkunden ihn mit den eigenen Füssen. Mit Bewilligung der Gruppenführer dürfen wir sogar die Zuglinie überqueren und auf der Trasse stehen und fotografieren. „In weniger als zwei Jahren werden genau an diesem Ort Züge mit einer Geschwindigkeit von bis zu 220 km/h hindurchdonnern“ sagt eine Alumna beeindruckt.

Beeindruckende Ingenieurleistung

Wieder zurück an der Erdoberfläche geben wir unsere Uniformen an die andere Gruppe weiter und wechseln in eine gewohntere Umgebung, einen Sitzungsraum. ETH Alumnus Renzo Simoni, der Vorsitzende der Geschäftsleitung der AlpTransit Gotthard AG, erklärt uns in einem Video, dass die Schweiz hier einen Weltrekord gebaut habe, den längsten Eisenbahntunnel der Welt. Das NEAT-Programm sei zudem auch das grösste Schweizer Naturschutzprojekt. Er bezieht sich damit auf die Umstände beim Bau, bei dem die Luft- und Lärmbelastungen für alle möglichst gering gehalten und die Lebensräume für Flora und Fauna, die teilweise beansprucht wurden, wiederhergestellt wurden. Auch seien alle Baubaracken und Wohncontainer wieder abgebaut worden. Elf Jahre dauerte die Bauphase für die zwei richtungsgetrennten, 57 km langen Einspur-Tunnels, der Durchschlag erfolgte am 15. Oktober 2010. Alle 325 Meter besteht ein Quergang zwischen den zwei Tunnels und in Faido und Sedrun werden bis im Sommer 2015 Multifunktionsstellen fertiggestellt, bei denen Spurwechsel geplant werden können und zahlreiche technische Anlagen für den Bahnbetrieb untergebracht sind. So wird es beispielsweise möglich sein, während der ganzen Tunnelfahrt ungestört zu telefonieren.

Zwei unterschiedliche Bohrmethoden

Das Ausmass der Leistung wird uns erst richtig bewusst, als wir mit den gesammelten Daten zu den Bohrungen konfrontiert werden. Vom Norden her wurde mit einer über 400 Meter langen Tunnelbohrmaschine mit einem Durchmesser von 9.5 Metern gearbeitet. Um sie direkt im Tunnel zusammensetzen zu können, musste mit Sprengungen erst der Platz dafür geschaffen werden. Allein der Aufbau der Maschine dauerte fünf Monate. Mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 17.5 m pro Tag bohrte sie sich in den Berg hinein,  wobei sie pro Meter 200 t Ausbruchmaterial verursachte. Insgesamt fielen rund 25 Millionen Tonnen Ausbruchmaterial an – das entspricht etwa fünf Mal dem Volumen der Cheops-Pyramide oder der Strecke von Zürich nach Chicago. Dieses Ausbruchmaterial wurde, wo immer möglich, wiederverwendet. So konnte ein grosser Teil im Spritzbeton, der im Tunnel verarbeitet wurde, verwendet werden und auch eine Seeschüttung im Kanton Uri und ein ausgeschöpftes Kieswerks im Kanton Tessin profitierten vom Ausbruchmaterial. Vom Süden her wurde der Berg mit Sprengungen gelöchert. So erreichte man eine Geschwindigkeit von 10 bis 12 Meter pro Tag. Insgesamt arbeiteten auf der Baustelle bisher rund 2700 Leute aus 15 verschiedenen Nationen.

Herausforderungen im Berg

Nach so vielen Superlativen wollen wir wissen, ob sich während des Bauprozesses auch Schwierigkeiten ergeben haben? „Das Durchqueren von unterschiedlichsten Gesteinsschichten war sicherlich eine Hürde und die Materialbewirtschaftung war nicht immer ganz einfach“ sagt unser Gruppenführer. Und dann sei da natürlich die bereits erwähnte Problematik des Umweltschutzes, die die Verantwortlichen des Baus durchgehend beschäftigt habe und das Aushalten der Bergwärme sei für die Arbeiter teilweise schwierig gewesen. Auf die Frage nach dem Nutzen des Baus, sagt unser Gruppenführer: „Die Verkehrsleistung wird sich ganz klar erhöhen, sodass wir mit einer zunehmenden Verschiebung des Transports von der Strasse auf die Schiene rechnen können. Die Reise von Zürich nach Mailand zum Beispiel wird nur noch 2.5 Stunden dauern.“

Gelungener Alumni-Anlass

Die anfängliche Neugierde der Alumni wurde von vielen Eindrücken und noch mehr Begeisterung abgelöst. Bei der Verabschiedung wird deutlich, wie positiv der Ausflug von LSE, MIT und ETH Alumni erlebt wurde. Aus den Gesprächen hören wir heraus, dass die Vernetzung und die gemeinsame Organisation von Anlässen durch mehrere Universitäten sehr geschätzt wird. Auch werden bereits Vorschläge für weitere Ausflüge genannt, die das Organisationkomitee gerne aufgenommen hat.

 
 
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