Exkursion in das Herz eines AKWs

30.05.2015 | OG Basel Alumni

Von:  Hans Baumann & Stephan Bucher

Im April trafen sich fast zwei Dutzend ETH Alumni und Gäste der Ortsgruppe Basel zu der Besichtigung des Kernkraftwerks Gösgen-Däniken (KKG). Gelockt hat die Aussicht auf eine einmalige Tour ins Innere des Reaktorgebäudes.

In dem für die Öffentlichkeit frei zugänglichen Besucherpavillon lernen wir unter der kundigen Führung von Alain Plüss vorerst spannende Fakten zum Thema Stromproduktion und Strahlung kennen. Die Kernkraftwerke (KKWs) liefern die für die Energiewirtschaft wesentliche Grundversorgung. Zusammen mit den Wasserkraftwerken sorgen die KKWs dafür, dass der Schweizer Strommix mit etwa drei Mal weniger CO2 belastet ist als der Europäische Durchschnitt. Durch die beabsichtigte Energiewende wird die Stromwirtschaft jedoch mit ausserordentlichen Herausforderungen konfrontiert. Dereinst dezentrale, volatile Quellen aus Photovoltaik und Wind müssen dann Regelenergie für die rasch wechselnden Produktionen aus den neuen Produktionsanlagen liefern. Die Netzumstellung von zentral zu dezentral und grosse zusätzliche Speicherkapazitäten sind dabei die grössten Herausforderungen.

Eine Einführung in das Themengebiet

Eine Ausstellung im Besucherpavillon des Kernkraftwerks Gösgen bietet Einblicke in die Themen der Kernenergie und der Stromproduktion. Einige der Exponate sind der Strahlung gewidmet. Am spannendsten ist die Nebelkammer, in der mittels stark gekühltem Alkohol eine Atmosphäre herrscht, in der die Strahlung als Kondensstreifen sichtbar wird. Dieses Experiment zeigt sehr schön, dass wir andauernd irgendwelcher natürlicher Strahlung ausgesetzt sind. Ein bekanntes Beispiel ist aus der Erde  aufsteigendes Radon, das vor allem in gut abgedichteten Häusern problematisch sein kann. Bemerkenswert ist auch der Vergleich mit den Grenzwerten um das Atomkraftwerk Gösgen: Wenn man die Grenzwerte auf Bergregionen anwenden würde, müssten in der Schweiz zirka 40‘000 Menschen evakuiert werden.

Besichtigung des Innenraums

Nun aber zum Höhepunkt der Exkursion: der Weg ins Innere des Reaktors. Wir ziehen uns vollständig aus, kleiden uns mit Unterwäsche und Overall und rüsten uns mit einem empfindlichen Dosimeter (Messgerät für die Messung der Strahlendosis) aus. Durch mächtig armierte Schleusen hindurch betreten wir die peripheren Anlagen rund um den Reaktormantel. Den eigentlichen Reaktor kann man nicht anschauen, denn während dem Betrieb herrschen darin hohe Temperaturen. Wir können jedoch einen Blick auf die Brennelemente im Abklingbecken erhaschen. Unter einer meterdicken Wasserschicht sind wir jedoch bestens vor der Strahlung geschützt. Übrigens ist die Strahlung im besuchten Bereich des Reaktorgebäudes geringer als draussen, da hier strahlungsdämmende Materialien verbaut sind.

Eindrücklich sind auch die Vorkehrungen gegen Erdbeben, die sich auf verschiedene Weise zeigen. Feste Installationen sind zum Beispiel ganz speziell verankert und bewegliche Komponenten mit Gurten festgezurrt. Die katalytische Verbrennungseinrichtung für Wasserstoff ist ebenfalls sehr spannend. Im Falle einer Havarie verhindert diese Einrichtung die Anreicherung und potenzielle Explosion des Gases. Die zerstörersiche Wirkung einer Wasserstoffverpuffung war eindrücklich in Fukushima zu sehen, wo auf eine Einrichtung zur gezielten Gasreduktion verzichtet wurde.

Gegen Schluss des Rundgangs grüssen wir die Kollegen aus der Atomüberwachung in Wien, die jedes KKW per Videokamera im Bereich der Ein-/ Ausschleusung von Brennelementen permanent überwachen. Ein Blick in den Kommandoraum zeigt die Ausstattung, die zur Steuerung der Anlage wesentlich ist. Die Anzeigetafeln bewegen sich jedoch nicht, da das Werk -  mit Ausnahme der jährlichen Revision  - auf Volllast läuft. Dieser stabile Betrieb hat auch dazu beigetragen, dass das Werk den Weltrekord unter den rund 450 weltweiten KKWs führt: Es gab in 25 Jahren keine einzige Schnellabschaltung.

Maschinenhaus, Generator und Kühlturm

Der Weg zurück ins Freie führt über zwei Anlagen, die mit Strahlendetektoren ausgestattet sind. Zusammen mit den Dosimetern wird so sichergestellt, dass die Besucher während der Besichtigung keine Strahlung aufgenommen haben.

Ausserhalb des Reaktorgebäudes sehen wir uns die restlichen Komponenten des KKWs, ein Maschinenhaus mit Dampfturbine, einen Generator und den eindrücklichen Kühlturm, an. Die Wahl eines Kühlturms gegenüber einer Fliesswasserkühlung war übrigens sehr vorausschauend, da mit der globalen Erwärmung auch die Fliessgewässer zu warm werden und ihre kühlende  Funktion so nicht mehr erfüllen können.

Verbesserte Sicherheitsmassnahmen

Einige Erkenntnisse von dem Reaktorunfall in Fukushima wurden in dem Schweizer Atomkraftwerk bereits umgesetzt. Das KKW Gösgen stellt eine externe Bereitstellung von diversen Ernstfall-Einsatzmitteln wie zum Beispiel ein Notstromaggregat sicher. Eine weitere Massnahme, die die Katastrophe in Japan verhindert hätte, ist ein ausreichend hoher Schutzwall. Mit einem angenommenen Extremregen mit bis zu 30 cm stehendem Wasser im Mittelland dürfete der installierte Wall in Gösgen eher übervorsichtig dimensioniert sein.

Nach diesen spannenden Eindrücken ging es weiter ins Restaurant Perbacco, wo wir an einem vom KKG spendierten Nachtessen teilnehmen durften. Diese ausserordentliche Exkursion wurde uns durch einen privaten Kontakt zu Christan Ledermann vom Kernkraftwerk Gösgen ermöglicht. Wir danken ihm und dem KKW Gösgen nochmals ganz herzlich für diese einmalige Gelegenheit!

 
 
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