Anspruchsvoller Rosshäuserntunnel – Durchstich am 2. Juni 2015

09.06.2015 | OG Bern Alumni

Von:  Konrad Meyer-Usteri

Medienmitteilungen von überraschenden geologischen Gegebenheiten, ein tödlicher Unfall infolge eines Steinschlags im Tunnel und 18 Monate Bauverzögerung wegen Umstellung der Vortriebsmethode weckten Interesse am Bau des Rosshäuserntunnels in der Nähe von Bern. Nach dem Lötschberg-Basistunnel ist es das grösste Bauwerk der BLS. 16 Berner Alumni packten bereits im April die Gelegenheit, sich vor Ort über das anspruchsvolle Bauwerk informieren zu lassen. 

Die teilnehmenden Alumni beanspruchten alle Sitze der zwei kleinen Baustellenbusse, die sie an den Ort des Geschehens brachten. Herr Luginbühl, pensionierter BLS Ingenieur, leitete die Besichtigung und lieferte den Alumni allerhand Informationen zu den Umstände und Herausforderungen beim Bau des Tunnels. Zu Beginn erläuterte er die Finanzierung durch den Bund und die Kantone Bern und Neuenburg. „Der Kreditanteil des Bundes von 115 Millionen Franken wurde durch die Volksabstimmung „Finanzierung des öffentlichen Verkehrs“ vom 29.November 1998,  gutgesprochen. Sie beinhaltet mitunter einen Beschluss über den Anschluss an das Hochleistungsnetz unserer Nachbarstaaten“ erklärte Luginbühl. Dieser Umstand erstaunte die aufmerksamen Zuhörer. Es erinnerte die Alumni an die Zeiten, als der TGV von Bern noch über Neuchâtel, Val de Travers, Frasne und Dijon nach Paris fuhr.

Viele Wege führen nach Paris

Heute führen aus der Schweiz drei unterschiedliche Bahnlinien nach Paris. Für Genf wurde eine bestehende Bahnlinie derart modernisiert, dass eine spürbare Fahrzeitverkürzung für den TGV nach Lyon resultierte. Ab Lausanne wird über Vallorbe und Frasne  noch jene Linie bedient, welche seinerzeit auch von Bern her befahren wurde. Die kürzeste Reisezeit nach Paris ab Bern und Zürich dagegen wird mit dem TGV Lyria über Basel und die Ende 2011 eröffnete 1. Etappe der LGV (ligne à grande vitesse) Rhin-Rhône zwischen Belfort und Dijon erzielt. Dank der Fahrzeitverkürzung von 15 Minuten beträgt die Reisezeit Bern – Paris seit Dezember 2013 nur noch 4 Stunden und  4 Minuten.

Die 43 Kilometer lange, einspurige BLS Linie verbindet noch heute die beiden Kantonshauptstädte Bern und Neuchâtel. Der über 110-jährige Einspurtunnel von Rosshäusern ist  jedoch erneuerungsbedürftig. Erstaunt hat die Alumni Bern die geplante Geschwindigkeit von 160 km/h auf der neuen Doppelspur, die durch die Streckung von Kurven ermöglicht wird. „Durch diese Technik lassen sich 1.5 Minuten Fahrzeit einsparen. Zudem können die Fahrplanstabilität und die Flexibilität deutlich erhöht werden“, erklärte Luginbühl.

Höhere Kosten als geplant

Mit Erreichen der 200 Millionen Franken Grenze waren die von der Politik gewährleisteten Kosten des zwei Kilometer langen Rosshäuserntunnels jedoch ausgereizt. Aktuell stehen happige Mehrkosten von 65 Millionen, vor allem infolge geologischer Probleme, an. Dies ergibt beeindruckende Kosten von 132 Mio. pro gebautem Kilometer. Dass bei einer mittleren Gesteinsüberdeckung von weniger als 50 Metern und mit dem in Tunnelmitte zu Baubeginn errichteten Notausstiegschacht die schlechte Qualität des Sandsteines angeblich nicht erfasst wurde, hat nicht nur den Geologen unter den Alumni erstaunt. Der nach sieben Jahren Bauzeit im Jahr 1995 in Betrieb genommene Grauholztunnel der SBB von 6300m Länge kostete damals „nur“ 50 Mio. pro Kilometer. Dieser befand sich zur einen Hälfte ebenfalls im Sandstein der unteren Süsswassermolasse und zur anderen in glazialen Ablagerungen. Der Grauholztunnel war bezüglich geologischer Verhältnisse ein sehr anspruchsvolles Bauwerk. Diese beiden Tunnelprojekte zeigten, dass Verkehrsprobleme nicht einfach gelöst werden, indem man Verkehrswege künftig unter die Erde verlegt, da dies schlicht nicht finanzierbar wäre.

Die anwesenden Alumni nahmen einen interessanten Eindruck von den geologisch bedingten Überraschungen und den hohen Kosten im Bereich des Tunnelbaus mit nach Hause.

 
 
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