Black Box Arbeitszeugnis – Wie gut ist es wirklich?

03.08.2015 | Alumni Career

Von:  Muriel Fischer

Obwohl ein Arbeitszeugnis auf den ersten Blick positiv erscheinen mag, kann es eine ganz andere versteckte Bedeutung aufweisen. Diese sogenannten Kodierungen sind oft nur Personalverantwortlichen ersichtlich. In Zusammenarbeit mit dem ETH Career Center organisierte die ETH Alumni Vereinigung ein Angebot für Alumni und gab ihnen die Möglichkeit, ihre Arbeitszeugnisse von den Profis des Career Centers interpretieren zu lassen.

Die Idee für das Angebot kam Martin Ghisletti, Leiter des ETH Career Centers, in seiner Freizeit: „Ich wurde immer wieder von Freunden angefragt, ob ich ihre Zeugnisse schnell anschauen und ihnen ein Feedback geben könne.“ Da die Zeugnisse von den Vorgesetzten und der Personalabteilung ausgestellt werden, fallen diese als mögliche Ansprechpersonen weg. „Und gleich einen Anwalt dafür einzuschalten, macht auch keinen Sinn“, erklärt Gishletti. „Unser Angebot sollte den Alumni eine subjektive Einschätzung durch einen HR-Profi bieten.“

Ein Schlusssatz mit viel Gewicht

Ein Arbeitszeugnis kann grob in zwei Teile eingeordnet werden: den Tätigkeitsbeschrieb am Anfang und die darauf folgende Bewertung. Für viele Personalfachleute ist vor allem der zweite Teil von Bedeutung. „Viele Alumni waren überrascht, als ich ihnen gesagt habe, dass viele Personalverantwortliche beispielsweise direkt zum Schlusssatz springen. Die Art und Weise, wie dieser formuliert ist, kann  den Ton für den  Rest des Arbeitszeugnisses angeben. Wenn z.B. ein `wir bedauern` oder `wir bedanken uns für die Arbeit` fehlt, wirft das von vornherein Fragen auf“, erklärt Christine Kaiser, Mitarbeiterin des ETH Career Centers.

Was fehlt zum Superzeugnis?

28 Alumni machten vom Angebot  Gebrauch und schickten insgesamt 42 Zeugnisse ein. Von sehr guten bis zu eher kritischen Zeugnissen war alles dabei. Für die Personen mit sehr guten Zeugnissen war das Gespräch jeweils sehr schnell zu Ende. „Wir konnten ihnen direkt sagen, dass sie sich vorbehaltlos mit diesem Zeugnis bewerben können.“, erzählt Kaiser. Bei den guten Zeugnissen erklärten die Mitarbeiter des ETH Career Centers den Alumni, woran man erkennt, dass es kein schlechtes Zeugnis ist und was noch fehlt zum Superzeugnis. „Oft kann man sehr genau aufzeigen, welche detaillierten Formulierungen fehlen für ein sehr gutes Zeugnis. Das sind dann Begriffe wie `zur vollsten Zufriedenheit` oder `hat die Erwartungen stets übertroffen`“, so Ghisletti. „Bei den kritischen Zeugnissen waren die betroffenen Personen meistens sehr erstaunt, wie gut wir die damalige Arbeitssituation oder auch die Beziehung zum Vorgesetzten aus dem Zeugnis herauslesen konnten.“  Wichtig sei, dass einem bewusst ist, welche Fragen aus einem Zeugnis heraus entstehen können, zum Beispiel in einem Bewerbungsgespräch.

Martin Gishletti beantwortet Fragen zum Phänomen der Zeugniskodierung

Woran erkennst Du, ob ein Zeugnis kodiert ist oder nicht?

Grundsätzlich kann man nicht abschliessend beurteilen, ob ein Zeugnis kodiert ist. Art. 330a Abs. 1 OR regelt den Bereich der Arbeitszeugnisse gesetzlich. Die daraus abgeleiteten materiellen Voraussetzungen statuieren, dass das Zeugnis `wohlwollende Formulierungen` beinhalten sollte. Laut Gesetz kann man also gar kein schlechtes Zeugnis ausstellen. Wenn man eine Schwäche weglässt, ist das im engen Sinn bereits eine Form der Kodierung. Meiner Meinung nach sind beinahe alle Zeugnisse kodiert, die Frage ist eher ob sie absichtlich kodiert sind. Es gibt jedoch einige Punkte, die auf eine klare Kodierung hinweisen. Und oft hängt es auch von der Person ab, die das Zeugnis verfasste. HR-Profis kodieren wahrscheinlich eher als ein Vorgesetzter eines kleinen Betriebs, der nur alle 10 Jahre ein Arbeitszeugnis schreiben muss. Von den 42 beurteilten Zeugnissen war meiner Meinung nach der Grossteil eher kodiert.

Und in welche Richtung geht der Trend?

Ich erinnere mich, dass wir im HR bereits vor 15 Jahren die Diskussion führten, ob man nun die Kodierung von Zeugnissen weglassen sollte. Getan hat sich meiner Meinung nach aber wenig. Ein erkennbarer Trend im Bereich der Arbeitszeugnisse ist die Automatisierung. Grössere Firmen führen Zeugnisgeneratoren ein, die aus vorgefertigten Textbausteinen Zeugnisse erstellen. Das sehe ich als positive Entwicklung. Und ich will auch ganz klar betonen, dass kodierte Zeugnisse nicht grundsätzlich negativ sind.

Wo lernen die Personalverantwortlichen die Bedeutung der spezifischen Formulierungen? Ist das bereits in der Ausbildung ein Thema?

In meinem BWL-Studium hatte ich zwar eine Vorlesung zum Personalwesen, die Kodierung von Zeugnissen wurde aber nie angesprochen. Das lernt man on-the-job. Im Personalbereich einer Firma wird das Thema explizit behandelt. Eine grosse Firma überlegt sich sehr wohl, wie ihre Zeugnisse aussehen sollen, die sind ja auch eine Visitenkarte nach aussen. Es kann ja nicht sein, dass die eine Abteilung kodierte Zeugnisse verfasst und eine andere nicht.

Wie wichtig sind Zeugnisse bei einer Bewerbung?

Der Lebenslauf ist ganz klar das wichtigste Instrument zur Beurteilung eines Kandidaten, darauf folgt der Motivationsbrief und erst anschliessend kommen die Zeugnisse. Bei rund 40 Bewerbern auf eine Stelle nehme ich mir eine Minute Zeit pro Dossier, dann entscheide ich, ob ich den Bewerber einlade oder nicht. Die Arbeitszeugnisse konsultiere ich dabei eher punktuell. Wenn mir beim Lebenslauf zum Beispiel auffällt, dass eine Person nur ein Jahr in einem Unternehmen war, dann suche ich im Arbeitszeugnis nach möglichen Gründen. Der Stellenwert von Zeugnissen nimmt meiner Meinung nach je länger je mehr ab. Einerseits wegen der Kodierungssituation und andererseits auch aufgrund der zunehmenden Internationalisierung . Die Art von Zeugnissen, wie wir sie in der Schweiz kennen, gibt es so im Ausland nicht. Darum glaube ich auch, dass sie zunehmend verschwinden werden.

Was mache ich, wenn ich ein kritisches Zeugnis habe? Kann ich es einfach weglassen bei der Bewerbung?

Ja, unter Umständen kann man gewisse, kritische Arbeitszeugnisse weglassen. Es ist jedoch wichtig, dass man professionell auf allfällige Fragen vorbereitet ist. Wieso hat man erst gar kein Zeugnis angefragt beim ehemaligen Arbeitgeber? Oder weshalb ist das Zeugnis schlecht und allenfalls unfair? Es gilt: fair und selbstkritisch bleiben und vor allem nie persönliche Anschuldigungen gegenüber ehemaligen Vorgesetzten machen, dies ist nicht professionell.

Was nehmt Ihr vom Career Center aus dieser Zeugnis Black Box für Alumni mit? Bleibt euch etwas besonders in Erinnerung?

Wir haben das Projekt als extrem positiv erlebt. Es hat alles super funktioniert und die Alumni haben es ausnahmslos alle sehr geschätzt. Wir als Profis waren vor allem davon überrascht, wie viel man tatsächlich aus einem Zeugnis rauslesen kann. Da wir nach der Durchführung bereits neue Anfragen von Alumni erhalten haben, wollen wir das Angebot permanent für ETH Alumni anbieten.

 
 
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