«Eine gute Hochschule lehrt nicht primär Wissen, sondern Denken.»

08.09.2015

Von:  360° Magazin, Open Systems AG

Die Ausbildung zum Ingenieur ist eine ausgezeichnete Grundlage für den beruflichen Erfolg, ist Prof. Dr. Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich, überzeugt. Für ihn ist klar: Wer die Ausbildung an der ETH erfolgreich absolviert, dem stehen alle Türen offen. Nicht nur in der Forschung, sondern auch im Management.

Guzella  
Bild: Noe Flum/Open Systems

Herr Prof. Guzzella, die Ingenieursausbildung der ETH Zürich geniesst weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Was macht aus Ihrer Sicht einen guten Ingenieur aus?

Ein guter Ingenieur besitzt vor allem die Fähigkeit, Probleme richtig zu erfassen. Viele Leute meinen, die grosse Kunst liege in der Problemlösung. Ich bin der Überzeugung, dass die wirkliche Kompetenz darin besteht, Probleme zu erkennen und in der richtigen Art zu erfassen.

Das müssen Sie uns jetzt aber näher erklären ...

Ein Problem zu lösen scheint mir einfacher, als ein Problem richtig zu erfassen. Natürlich merkt man rasch, wenn irgendwo Probleme auftreten. Ein Kunde hat sich beschwert, eine Maschine läuft nicht gut, die Mitarbeiter sind unzufrieden. Man entwickelt schnell einmal ein Bauchgefühl, wenn etwas nicht stimmt. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ein Problem zu lösen ist natürlich schwierig und schlussendlich auch ein wichtiges Ziel. Die wahre Kunst besteht aber aus meiner Sicht darin, ein Problem zu identifizieren und in allen Dimensionen genau zu erfassen. Nur so können Sie die richtige Lösung anwenden, um ein Problem wirksam zu beseitigen.

Welche Fähigkeiten sind Ihrer Meinung nach für die Problemerkennung wichtig?

Die wichtigste Fähigkeit überhaupt ist, dass Sie richtig denken können. Konzeptionell, abstrakt und systematisch. Eine gute Hochschule lehrt ihren Studentinnen und Studenten nicht primär Wissen, sondern eine bestimmte Art zu denken. Es ist mir deshalb übrigens sehr wichtig zu betonen, dass das nicht nur für die Ingenieure gilt, sondern für die Studierenden aller 16 Departemente der ETH Zürich.

Das technische Wissen, kombiniert mit der Art zu denken, der kritischen Haltung, der Fähigkeit, selber zu analysieren und Vernetzungen herzustellen. Das sind Qualitäten, die heute überall in der Wirtschaft sehr gefragt sind. Prof. Dr. Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich

Und wie lernt man «richtiges Denken» konkret?

Wenn Sie das intellektuelle Potenzial haben, müssen Sie dieses über Jahre an vielen Beispielen − also konkreten Problemfällen − schärfen. Zudem ist es ganz entscheidend, dass Sie nicht alles glauben, was man Ihnen erzählt.

Sie meinen, man muss die Erfahrungen selber machen, um wirklich zu lernen?

Davon bin ich überzeugt. Denn es kommt sicher einer, der Ihnen sagt, die Maschine funktioniere nicht, weil zum Beispiel dieser Bolzen an der Maschine verklemmt sei. Das kann ja sein. Aber wenn Sie das einfach so annehmen und sagen «Jawohl, der Bolzen klemmt», haben Sie vielleicht ein Problem, aber nicht unbedingt das Problem gelöst. Natürlich müssen Sie genau zuhören, um wichtige Informationen zu sammeln. Ich erachte aber die Fähigkeit, das Problem selber und aus einer gewissen Distanz kritisch zu analysieren, als wirklich entscheidend. Nur so sind Sie in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden und dem Problem wirklich auf den Grund zu gehen.

Wie sorgt die ETH dafür, dass die Studierenden diese Fähigkeiten entwickeln können?

Erstens, indem wir sie während ihrer Ausbildung immer wieder mit ungelösten Problemstellungen konfrontieren. Und zweitens, weil wir ihnen kompetente und erfahrene Menschen zur Seite stellen, die sie im Dialog mit den Problemen − in der persönlichen Auseinandersetzung − unterstützen. Dabei geht es auf keinen Fall darum, ihnen die Probleme und deren Lösungen auf dem Silbertablett zu servieren, sondern vielmehr darum, sie auf ihrem eigenen Weg zu begleiten und zu unterstützen, aber auch zu fordern. Wir Menschen lernen im Wesentlichen über den Dialog. Über die Beziehung Meister und Schüler. Das ist die zentrale Lernpaarung, die immer noch sehr gut funktioniert.

Sie sprechen von den aktuell rund 500 Professorinnen und Professoren der ETH ...

Nicht nur von den Professorinnen und Professoren, sondern auch von den vielen Doktoranden, Post-Doktoranden und den Lernassistenten. Die ETH bietet den Studierenden ein intensives Netzwerk, das die persönliche Interaktion ermöglicht und fördert.

Der entscheidende Erfolgsfaktor ist also schlussendlich der Mensch und nicht die Technologie?

Jawohl, davon bin ich überzeugt.

Guzella  
Bild: Noe Flum/Open Systems

Vermittelt das ETH-Studium auch die für eine Management-Karriere notwendigen Kompetenzen? Das Wirtschaftsleben läuft ja nicht immer nach den Naturgesetzen ab ...

Studierenden, die Interesse an Management-Themen haben, bieten wir sehr viele interessante Angebote. Zum Beispiel die Möglichkeit, sich in Fokusprojekten mit drei oder vier Studierenden zusammenzutun, um eine Innovationsfirma zu gründen. In erster Linie geht es im ETH-Studium aber darum, sich intensiv mit den Kernelementen − also Mathematik, Physik und den verschiedenen Tools − auseinanderzusetzen. Die Zeit an der ETH ist für Studierende knapp. Noch knapper ist meiner Meinung nach die menschliche Aufnahmefähigkeit. Da müssen wir uns schon fokussieren.

Das heisst, die Management-Kompetenz muss man sich vor allem «on-the-job» oder in einem Nachdiplomstudium aneignen?

Beides sind für mich persönlich ausgezeichnete Möglichkeiten. Es kommt wie immer sehr auf die Person an. Es gibt auch hier keine Patentrezepte.

Sie haben die beschränkte menschliche Aufnahmefähigkeit angesprochen. Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Lernen in den vergangenen Jahren verändert?

Ich glaube nicht, dass sich das Lernen grundsätzlich verändert hat. Es sind vielmehr gewisse Aspekte des Lernens, die sich gewandelt haben: Früher hat man mit einem Buch gelernt, das man sich gekauft oder in der Bibliothek ausgeliehen hat. Heute lädt man sich im Internet ein PDF herunter und nutzt es auf einem Tablet. Und anstatt eine komplexe Grafik zu studieren, sieht man sich heute vielleicht eher ein YouTube-Video zum Thema an. Diese Veränderungen sind stark spürbar und werden auch in Zukunft die Werkzeuge, die wir für das Lernen nutzen, beeinflussen. Was sich hingegen nicht verändert hat, ist der Prozess des Lernens. Der ist seit 40000 Jahren gleich geblieben und wird sich auch in Zukunft nicht verändern.

Was meinen Sie damit genau?

Lernen ist und bleibt mühsame Arbeit. Man muss sich über längere Zeit hinsetzen und konzentriert an einem Thema dranbleiben. Da führt kein Weg dran vorbei.

Geht das überhaupt in der heutigen Multi- tasking-Gesellschaft?

Das ist eine berechtigte Frage. Das Multi- tasking, das sich immer mehr verbreitet − und sozial durchaus akzeptiert und gesellschaftlich teilweise sogar als gut angeschaut wird − hat sicher seine Vorteile in gewissen Bereichen. Aber ich garantiere Ihnen: Beim Lernen − beim echten, scharfen, substanziellen Lernen − funktioniert das nicht. Lernen bedingt die Fähigkeit, sich hinzusetzen, um konzentriert etwas zu tun. Und das über eine längere Zeit. Das war natürlich früher schon nicht einfach. Aber ich befürchte, dass diese Fähigkeit eher noch am abnehmen ist. Viele Studierenden leben heute in der Illusion, man könne gleichzeitig über Kopfhörer Musik hören, mit dem Mobiltelefon SMS schreiben und dabei noch Integralrechnen lernen. Das geht aber nicht.

Die ETH arbeitet eng mit der Wirtschaft zusammen. Was glauben Sie, können Unternehmen von den Hochschulen lernen?

Ich denke von der engen Zusammenarbeit profitieren beide Seiten stark. Wenn ich etwas nennen müsste, wäre es wahrscheinlich die Fehlerkultur, die aus meiner Sicht vielen Unternehmen abhanden gekommen zu sein scheint.

Sie meinen die Art und Weise, wie man mit Fehlern umgeht?

Ja genau. Aber vielleicht noch vorher das Selbstverständnis, dass ohne Fehler kein Fortschritt möglich ist. Fehler sind nur dann schlecht, wenn man sie nachlässig oder aus Dummheit macht. Wer aber nicht akzeptiert, dass man ab und zu Fehler machen und Niederschläge einstecken muss, dem werden nie wirkliche Durchbrüche gelingen. Ich bin davon überzeugt, dass man von Fehlschlägen genau so viel − wenn nicht noch mehr − lernen kann wie von den Erfolgen.

«Wer sich intensiv mit Technologie auseinandersetzt und dadurch ihr Potenzial besser versteht, hat aus meiner Sicht einen Vorteil – nicht nur in der Forschung, sondern auch im Top-Management eines Unternehmens.»
Prof. Dr. Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich

Sie sind seit anfangs Jahr Präsident der ETH Zürich. Welche strategischen Ziele verfolgen Sie in Ihrer Amtszeit?

Eine Hochschule ist kein Unternehmen. Wenn wir wüssten, wo die guten Forschungsresultate und die innovativen Lernmethoden sind, könnten wir unsere Arbeit besser planen. Dann könnte ich als Präsident eine Strategie entwickeln, die man dann gemeinsam im Team umsetzt. Unsere Welt funktioniert aber nicht so.

Wir geniessen allgemein grosses Vertrauen, weil die ETH in den vergangenen 160 Jahren ihrer Existenz immer wieder bewiesen hat, dass sie sich mit aller Kraft dafür einsetzt, systematisch an den echten Durchbrüchen zu arbeiten, die uns als Gesellschaft weiter- bringen. Wir haben einen Bildungsauftrag in diesem Land, den wir sehr ernst nehmen, und gleichzeitig wollen wir uns als forschungsbasierte Universität mit den Besten der Welt messen. Damit uns das weiterhin gelingt, setze ich drei Prioritäten: Erstens müssen wir die Attraktivität der ETH als Arbeitgeberin und Ausbildungsstätte weiter stärken, damit wir Menschen bei uns willkommen heissen können, welche die Fähigkeit haben, Durchbrüche in der Grundlagenforschung zu generieren. Zweitens müssen wir intern die Kultur, Strukturen und Maschinen bieten, damit diese Menschen optimal forschen und experimentieren können. Und drittens müssen wir mit aller Energie unseren Anspruch an Exzellenz hochhalten und wenn möglich ausbauen. Vor allem das sehe ich als eine meiner wichtigsten Aufgaben als Präsident: dass wir in der Qualität nicht ein Jota nachgeben.

Über Lino Guzzella

Prof. Dr. Lino Guzzella studierte an der Abteilung für Maschineningenieurwesen (heute Departement für Maschinenbau und Verfahrenstechnik) der ETH Zürich. Nach seiner Promotion 1986 arbeitete er in leitenden Funktionen in der Forschung in zwei Industrieunternehmen. 1993 wurde er als Assistenzprofessor ans Departement für Maschinenbau und Verfahrenstechnik der ETH Zürich berufen und 1999 zum ordentlichen Professor für Thermotronik befördert. Insbesondere im Bereich umweltschonender Technologien hat er sich national und international als Wissenschaftler grosse Anerkennung verschafft. Lino Guzzella setzt sich stark für die Zusammenarbeit mit der Industrie und für den Wissens- und Technologietransfer ein. Innerhalb der ETH Zürich hat er verschiedene Führungsaufgaben in der akademischen Selbstverwaltung übernommen, so als Instituts- und Departementsvorsteher sowie von 2012 bis 2015 als Rektor der Hochschule. Anfangs 2015 wurde Prof. Lino Guzzella vom Bundesrat zum neuen Präsidenten der ETH Zürich gewählt.

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews aus dem 360° Magazin der ETH Zürich Foundation, herausgegeben von der Open Systems AG. Das ganze Interview findest Du hier.

 
 
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