Wo sich Tradition und Innovation treffen

13.10.2015 | Alumni Travel

Von:  Muriel Fischer & Peter Fischer

Für ihre Mitglieder organisiert die ETH Alumni Vereinigung alljährlich Reisen, die speziell auf die Ansprüche der Alumni zugeschnitten sind. Anfang August begaben sich eine handvoll Teilnehmer auf die Reise nach Boston. Die persönlichen Kontakte aus dem Alumni Netzwerk ermöglichten die Organisation eines Programmes mit ausgesuchten Highlights

Das Programm der Alumni Reise 2015 war geprägt von den Hochschulen in Boston. Die Alumni besuchten das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und durften einen Lunch im Harvard Faculty Club geniessen.  Zudem stand die Besichtigung des Langer Labs auf dem Plan – inklusive Begrüssung durch Professor Langer persönlich. Auch der Schweizer Konsul und Leiter von swissnex Boston, Felix Moesner, begrüsste die Alumni persönlich und empfing sie auf der swissnex Geschäftsstelle in Boston.

Die Natur von Boston sollte jedoch auch nicht zu kurz kommen. Renata von Tscharner, ETH Architektin und Alumna, lebt seit rund 30 Jahren in der Region. Sie nahm die Alumni mit auf eine Fahrradtour und erläuterte ihnen die Entwicklung der Charles River Esplanade und das Engagement in der von ihr gegründeten Charles River Conservancy.

Renata von Tscharner gibt im Interview Auskunft über die Charles River Conservancy, ihre Verbindung zur ETH und Geheimtipps in Boston

Wie ist die Charles River Conservancy entstanden?

Ich habe die Charles River Conservancy im Jahr 2000 gegründet. Ich wollte die Form des urbanen Zusammenlebens, wie ich es aus der Schweiz kenne, in meine Wahlheimat bringen. Und da ich in der Nähe des Charles River lebe, sehr gerne schwimme und dem Fluss entlang bike, erschien mir ein solches Projekt ein logischer Schritt.

Welches Ziel verfolgt das Projekt?

Das Ziel des Non-Profit Beratungsunternehmens Charles River Conservancy ist eine Neugestaltung der Grünflächen rund um den Charles River. Die urbanen Parks am Wasser sollen aktiver, attraktiver und zugänglicher für jedermann gestaltet werden.

Wie hilft die Charles River Conservancy mit, die Grünflächen rund um den Charles River umzugestalten?

Die Grünflächen sind in Staatsbesitz. Leider fehlen aber dem Staat die Mittel, um diese wunderschöne Parklandschaft in Stand zu halten, geschweige denn zu optimieren. Die Charles River Conservancy greift dem Staat unter die Arme. Wir stellen Freiwilligenarbeiter bereit und sammeln Spenden für spezifische Programme und Projekte. Ich glaube, dass wir mit unserer Arbeit bereits vieles bewirkt haben. Trotzdem wollen wir noch mehr und haben sehr ehrgeizige Pläne für noch grössere Projekte. In diesem Jahr zum Beispiel konstruieren wir einen Skatepark, dessen Bau 5 Millionen US-Dollar kostet. Die Gelder kommen alle aus Spenden, die wir mit der Conservancy gesammelt haben.

Welches waren bis anhin die grössten Schwierigkeiten, auf die Ihr im Verlauf des Projekts gestossen seid?

Die Planung für dieses Projekt hat ganze 15 Jahre gedauert. Die Probleme kamen vor allem daher, dass es auf der Parkfläche Teile mit kontaminierter Erde gibt. Diese Begebenheit erforderte extensive Tests, Extraanstrengungen, um die Kontamination zu verringern, und eine gute Versicherung. Zudem musste natürlich die ganze rechtliche Arbeit bewältigt werden, die diese Probleme mit sich bringen. Unterschiedliche staatliche Behörden haben den Standort kontrolliert und alle waren bereits bei der Planung involviert.

Die Charles River Conservancy ist eine öffentlich-private Partnerschaft. Sollte man diese Form der Organisation öfters wählen für öffentliche Projekte? Welches sind die Vor- und was die Nachteile?

Genau, der Skatepark ist ein Beispiel für eine Public-Private Partnership. Obwohl die Hürden gross waren, ist diese Form der Zusammenarbeit sinnvoll und wir planen bereits weitere solche Projekte. Wichtig dabei ist,  die Basis breiter zu gestalten und auch mit Anstössergemeinden zu arbeiten, nicht nur mit dem Staat Massachussetts. Sehr hilfreich war die Hilfe des Anwaltsbüros WilmerHale, das uns mit einem pro-bono Anwalt während 8 Jahren unterstützte.

Sind bereits weitere Projekte in Planung? Was kommt als nächstes?

Wir wollen den Charles River wieder attraktiv machen für Schwimmer. Das Konzept des urbanen Flussschwimmens ist eigentlich sehr schweizerisch. Ich beispielsweise bin als Kind in der Aare, dem Rhein und der Limmat geschwommen. Dieser Teil des Projekts ist für mich darum eine Herzensangelegenheit. Es ist jedoch nicht ganz so leicht. Wir sind bereits auf einige Hindernisse gestossen, die wir zuerst überwinden müssen.  Anfangs war das Wasser schlicht zu dreckig. Nachdem wir über 500 Millionen US-Dollar in die Reinigung investierten, ist der Fluss heute an den meisten Tagen sauber genug, um darin zu schwimmen. Das grösste Problem ist jedoch die Wahrnehmung der Leute. Sie denken, dass der Fluss noch immer dreckig ist. Daran müssen wir noch arbeiten und veranstalten deshalb seit 2013 sogenannte "Community Swims". Der nächste Schritt wäre dann die Betreibung einer permanenten Bademöglichkeit. Das Ingenieur-Büro Stantec stellt uns dafür kostenlos ihre Planer zur Verfügung.

Du bist eine ETH Alumna. Was bedeutet deine Alma Mater für dich?

Ich bin sehr dankbar für meine Ausbildung, die ich an der ETH geniessen durfte. Im Vergleich zu den Hochschulen in den USA sind die günstigen Semestergebühren in der Schweiz ein Geschenk des Staates, darüber bin ich mir mittlerweile bewusst. Zudem war ich dabei bei der Gründung des New England Chapters der ETH Alumni und wir werden in diesem Herbst bereits unser 5-jähirges Jubiläum feiern!

Abgesehen von einem Besuch der Parklandschaft der Charles River Conservancy, was empfiehlst du den ETH Alumni und anderen Besuchern in Boston? Was muss man gesehen haben?

Boston ist wahrscheinlich die europäischste Stadt in den USA. Es ist ein wunderschöner Ort für Leute, die gerne Laufen und zunehmend auch für Biker. Zusätzlich zum Charles River haben wir den Boston Harbor mit seinem über 60 km langen Steg, der sich entlang des Hafens zieht und sich für ausgedehnte Spaziergänge und Jogger anbietet.

Viele Schulen in Boston zeichnen sich durch interessante Architekturen, sowohl traditionell als auch modern, aus. Es gibt zudem einige architektonisch interessante Quartiere, wie zum Beispiel das Beacon Hill (frühes 19. Jhrt) oder das Back Bay (spätes 19. Jhrdt). Und Boston hat viele wunderschöne Parks – inklusive jener entlang des Charles River. Das Emerald Necklace (ein ca. 4,5 km² großer Zusammenschluss von Parks in Boston und Brookline), konstruiert von Federick Law Olmsted, ist ein weiteres Juwel in Boston, das definitiv einen Besuch wert ist.

Vor allen Dingen ist Boston aber eine Stadt, in der sich Tradition und Innovation treffen – und wie der Guide Michelin sagt: worth a trip!

 
 
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