«Es ist unsere Aufgabe, das Neue zu finden»

26.11.2015 | Alumni Porträts

Von:  360° Magazin, Open Systems AG

Als Ingenieur, sagt Prof. Dr. Bernhard Plattner, habe man die Möglichkeit, in vielen verschiedenen Bereichen einen grossen Beitrag zu leisten, auch wenn diese auf den ersten Blick nichts mit Elektrotechnik zu tun haben. Der Professor für Technische Informatik im Departement Elektrotechnik weiss: Wenn man genauer hinschaut, steckt eben überall Elektrotechnik drin.

Prof. Dr. Bernhard Plattner, Communications Systems Group, ETH Zürich  
Prof. Dr. Bernhard Plattner, Communications Systems Group, ETH Zürich

Bernhard Plattner, Sie haben an der ETH Zürich studiert, assistiert und doktoriert. Seit 1988 sind Sie Professor für Technische Informatik im Departement Elektrotechnik. Haben Sie schon als Maturand mit dem Gedanken gespielt, Professor zu werden?

Ja, das war von Anfang an eine Option für mich. Deshalb war es für mich auch ein ganz natürlicher Schritt, dass ich mich nach meinem Abschluss als Elektroingenieur 1975 einem Professor angeschlossen habe, der Doktoranden gesucht hat.

Nach Ihrer Dissertation haben Sie dann allerdings die ETH verlassen …

Ich hatte die Möglichkeit, als Dozent am Neuen Technikum in Buchs die Informatik-Abteilung aufzubauen. Das war eine Herausforderung, die ich mir nicht entgehen lassen wollte.

Wie kamen Sie zurück an die ETH?

Über einen Umweg über die Uni Zürich. Wir haben uns in Buchs intensiv mit dem damals jungen Betriebssystem UNIX auseinandergesetzt. Wir nutzten es im Unterricht, um anwenderorientierte Szenarien durchzuspielen. Um dieses neue Betriebssystem in der Schweiz weiter bekannt zu machen, haben wir eine Interessensgemeinschaft gegründet, deren Mitglieder sich regelmässig im Hauptbahnhof Zürich getroffen haben. Dort habe ich Professor Rudolf Marti kennengelernt, der an der Universität Zürich Informatik lehrte. Irgendwann hat er mich gefragt, ob ich als Oberassistent an sein Institut wechseln möchte. Da in Buchs der Grundstein für die Informatik-Ausbildung gelegt war, sagte ich zu. Und von der Uni aus habe ich mich dann nach einiger Zeit für eine Professur an der ETH beworben. Das war 1985. Ich kam also gerade rechtzeitig, um an der ETH die Geburt und die ersten Schritte des Internets mitzuerleben.

Das klingt nach einem ausgezeichneten Timing …

Das kann man wohl sagen. Die ETH Zürich war damals in drei richtungsweisende Projekte involviert. Richtig los ging es in der Schweiz mit einem Impulsprogramm des Bundes, das zum Ziel hatte, die Informatik-Forschung und -Ausbildung in der Schweiz zu fördern. Ein wichtiges Element dieses Programms war der Supercomputer, der später in Manno im Tessin installiert wurde und allen Schweizer Universitäten zur Verfügung stehen sollte. 1986 startete dann das Programm IDA. Das stand für «Informatik dient allen» und sollte Informatikmittel für die spezifischen Bedürfnisse der Lehre bereitstellen und deren Nutzung für ein verbessertes Lernen fördern. Das dritte Projekt wurde mit einer Gruppe von Kolleginnen und Kollegen gestartet. Wir hatten das Ziel, den Supercomputer im Tessin mit den Universitäten und Hochschulen, aber auch die Hochschulen untereinander zu vernetzen. Der Austausch mit internationalen Kollegen war für alle diese Projekte sehr wichtig, und so war es nicht erstaunlich, dass wir die ETH sehr schnell auch über die Landesgrenzen hinweg zu vernetzen begannen. Diese Aktivitäten, unterstützt durch das Impulsprogramm, führten 1987 zur Gründung der Stiftung SWITCH durch den Bund und die damaligen Hochschulkantone. SWITCH betreibt bis heute das Internet für die Schweizer Hochschulgemeinschaft.

Wie hat sich das genau abgespielt?

Am Anfang fand die Vernetzung nur unter Universitäten und Hochschulen statt. Das war ein reines Forschungsnetz. Die USA waren schon damals das Zentrum dieser Entwicklungen. Deshalb war es für uns natürlich von grosser Bedeutung, genau zu wissen, was dort geforscht und entwickelt wurde. Wir waren immer bestrebt, bei der Implementierung von neuen Technologien von Beginn weg mit dabei zu sein. So haben wir zum Beispiel an der ETH sehr früh den neu entwickelten Standard X.400 für E-Mail implementiert. Das waren meines Wissens die ersten E-Mail-Systeme in der Schweiz, welche organisations- und technologieübergreifend eingesetzt werden konnten.

Stimmt es, dass Sie der offizielle Besitzer der Schweizer Top-Level-Domain .ch waren?

Ja, aber nur für ein paar Wochen. In unseren E-Mail-Adressen verwendeten wir zunächst «chunet» als die Landesbezeichnung – «das schweizerische Universitätsnetz». Die international normierte Bezeichnung (mit zwei Buchstaben) für die Schweiz ist jedoch «ch» und diese Norm wird im Internet auch für die Top-Level-Domains der Länder verwendet. Es war daher naheliegend, .ch für unser Netz zu reservieren, was ganz einfach war. Eine E-Mail an den damaligen Leiter der Internet Assigned Numbers Authority (IANA), Jon Postel, genügte. Nach wenigen Wochen war ich der «Besitzer», das heisst administrativ Verantwortliche für .ch und mein damaliger Doktorand Hannes Lubich der technische Kontakt. Die Domain .ch wurde am 20. Mai 1987 offiziell registriert. Als ich etwas später im gleichen Jahr interimistischer Direktor von SWITCH wurde, habe ich sie auf SWITCH übertragen. Das war wirklich eine aufregende Zeit.

«Es ist unsere Aufgabe, das Neue zu finden. Und unsere Arbeit besteht nicht nur darin, diese neuen Dinge zu entdecken, sondern auch deren Nutzen für die Gesellschaft herauszuarbeiten. Wir müssen mit unserer Arbeit konkrete Resultate liefern.» Prof. Dr. Bernhard Plattner, Communications Systems Group, ETH Zürich

Wenn man das so hört, erstaunt es nicht, dass Sie der ETH über all die Jahre treu geblieben sind …

Ja, ich denke der Grund dafür liegt schon in der Tatsache, dass an der ETH keine Routine aufkommt. Die Freiheit, die ich bei meiner Arbeit geniesse, empfinde ich als grosses Privileg. Ich kann mit meinem Team jeden Tag eigene Ideen und Pläne verwirklichen. Die ETH unterstützt uns Forscher, Lehrpersonen und Studierende, indem Sie uns den Freiraum und die Werkzeuge zur Verfügung stellt, die wir für unsere Arbeit und die Ausbildung brauchen. Ich finde es aber wichtig, dass wir diese Freiheit auch als Verantwortung wahrnehmen. Wir müssen mit unserer Arbeit konkrete Resultate liefern. So können wir auch einen Beitrag dazu leisten, dass die ETH wie seit Jahrzehnten als eine national und international attraktive Forschungs- und Ausbildungsinstitution wahrgenommen wird. Das zieht internationale Talente an unsere Hochschule und ermöglicht den globalen Dialog mit Wissenschaft und Industrie auf höchstem Niveau.

Wenn ich Sie richtig verstehe, sind es also die Menschen, die Sie an der ETH begeistern?

Ja, genau. Die Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich täglich zusammenarbeiten und Neues entdecken kann, und die Studierenden und Doktorierenden, die mich immer wieder fordern und mir neue Impulse geben. Aber auch die Hochschulleitung und die Administration, die unsere exzellenten Rahmenbedingungen schaffen.

Sie sprechen den Austausch mit jungen Menschen an: Wie arbeiten Sie konkret mit den Studierenden im Alltag zusammen?

Die Vorlesungen im Bachelorstudium sind mit ungefähr 140 Studierenden relativ gross. Obwohl ich schon versuche, die Studierenden ein wenig herauszufordern und ihnen Fragen stelle, kann da natürlich kein richtiger Dialog entstehen. Richtig interessant diesbezüglich wird es aber in den Praktika und Seminaren, wo wir in einem wesentlich kleineren Kreis von etwa 15 Studierenden praktische Übungen machen. In diesem Semester stellen wir zum Beispiel mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Hard- und Software für Zugangsrouter und Firewalls selber her. Ich versuche dabei, die Theorie auf ein Minimum zu beschränken, weil es in solchen Kursen meiner Meinung nach nicht darum geht, dass die Studierenden an mathematische Formeln denken, sondern dass sie «hands on» etwas machen können. Diese Veranstaltung nutze ich intensiv für den Dialog. Es ist für mich deshalb auch nicht erstaunlich, dass ich in solchen Praktika einige meiner späteren Doktoranden kennengelernt habe. Die Studierenden können sich auch gut einbringen und haben sehr schnell die Möglichkeit, mit ihren Ideen die Praktika zu gestalten und weiterzuentwickeln.

Das heisst, Sie binden die Studierenden früh in konkrete Projekte mit ein?

Aber natürlich. Das ist ja das Tolle an unserem System. Unsere Studierenden machen ab der Master-Stufe ihre Arbeiten selbständig und werden − im Unterschied zu den amerikanischen Universitäten − von unseren Assistenten und Doktoranden betreut. Die Aufgaben, die ihnen gestellt werden, sind oftmals Teilaufgaben aus den Themen der Dissertationen der Doktoranden. So werden die Studierenden sehr schnell mit Forschungsfragen konfrontiert, was ich auch für sehr wichtig halte.

Wenn ich Sie vorhin so von der Pionierzeit des Internets erzählen hörte, könnte man meinen, die spannende Zeit sei jetzt vorbei …

Mit dieser Aussage bin ich natürlich überhaupt nicht einverstanden. Das Internet war nur der Anfang. Es wird auch in Zukunft viele spannende, ja sogar revolutionäre Themen geben, mit denen wir uns an der ETH beschäftigen werden. Es ist richtig, dass wir heute noch nicht genau wissen, was uns morgen technologisch weiterbringt. Aber um genau das geht es ja gerade: Es ist unsere Aufgabe, das Neue zu finden. Und unsere Arbeit besteht nicht nur darin, diese neuen Dinge zu entdecken, sondern auch deren Nutzen für die Gesellschaft herauszuarbeiten.

Sie haben also keine Angst, dass den Ingenieuren die Arbeit ausgeht?

Auf keinen Fall. Denken Sie nur, in wie vielen Bereichen an der ETH geforscht wird. Unser Departement «Informationstechnologie und Elektrotechnik», intern D-ITET genannt, umfasst alleine 17 Institute mit vier Forschungsschwerpunkten im weiten Bereich der Elektrotechnik: Elektronik und Photonik, Information und Kommunikation, Energie sowie Biomedizinische Technik und Neuroinformatik. Im D-ITET befassen wir uns mit einer Vielzahl von Themen, von integrierten Schaltungen bis zu Computer-Netzwerken, von Signalverarbeitung bis zur drahtlosen Kommunikation, von der Regelungstechnik bis zur Leistungselektronik. Ausserdem sind wir stark in biomedizinischer Technik, mit einem Fokus auf medizinischer Bildgebung und neuronaler Informationsverarbeitung.

«Das Internet war nur der Anfang. Es wird auch in Zukunft viele spannende, ja sogar revolutionäre Themen geben, mit denen wir uns an der ETH beschäftigen werden.» Prof. Dr. Bernhard Plattner, Communications Systems Group, ETH Zürich

Können Sie uns einen kurzen Überblick geben, was in den einzelnen Bereichen geforscht wird?

Am D-ITET arbeiten rund 35 Professorinnen und Professoren und 400 Doktorandinnen und Doktoranden. Sie betreiben sowohl Grundlagenforschung als auch angewandte Forschung, oft in Zusammenarbeit mit der Industrie.

Im Bereich Elektronik und Photonik suchen und erproben wir neue Ansätze für die Komponenten- und Systementwicklung von Technologien für zukünftige elektronische Anwendungen. Unsere Forschung umfasst die Miniaturisierung und Leistungssteigerung von elektronischen und photonischen Komponenten sowie den Einsatz neuer Materialien und Prozesse. In der Systementwicklung konzentrieren wir uns auf die Realisierung der integrierten Elektronik und intelligente Umgebungen.

Der Bereich Information und Kommunikation widmet sich den immer besseren Kommunikationsmöglichkeiten, die − vor allem über das Internet betrieben − die Entwicklung neuer Netzwerk- und Computertechnologien antreiben. Forschungsschwerpunkte in diesem Bereich sind die Signal- und Bildverarbeitung, Regelungstechnik, Informationstheorie, Distributed Computing, drahtlose Netzwerke und zukünftige Internet-Technologien.

Die nachhaltige Energieversorgung und die dazugehörigen Technologien werden aus unserer Sicht für ein gutes Wirtschaftswachstum und die Sicherheit im 21. Jahrhundert und darüber hinaus entscheidend sein. Deshalb geniesst dieser Bereich in unserem Departement eine hohe Priorität. Forschungsschwerpunkte sind die Entwicklung von Smart Grids für eine effiziente Energieversorgung und –verteilung sowie für die Integration erneuerbarer Energiequellen und die Grundlagenforschung in Photovoltaik und neuartigen Batterien.

Last, but not least der Bereich biomedizinische Technik, der sich mit dem übergeordneten Ziel der Förderung des Gesundheitswesens beschäftigt. Die Resultate der Zusammenarbeit von Ingenieuren und klinischen Forschern sind von wesentlicher Bedeutung für alle Bereiche der Medizin, von der Prävention und Diagnose bis zur Therapie und Rehabilitation. Wir fokussieren uns auf die Interaktion zwischen biologischen und technischen Systemen, mit den Schwerpunkten Bioimaging, bildbasierte Modellierung und Bioelektronik.

Das klingt besonders spannend. Was aber hat Biomedizin mit Elektronik zu tun?

Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel: Unsere Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Biomedizinische Technik und Neuroinformatik haben eine Spritze entwickelt, mit der man Stoffe in eine einzelne Körperzelle einspritzen kann. Die Herausforderung besteht darin, die Zellwand zu durchdringen, und zwar mit einer so gezielten Kraft, dass die Zelle nicht zerstört wird. Das befähigt die Medizin, ein paar Nanogramm eines Wirkstoffes direkt in die Zelle einzubringen.

Das ist beeindruckend …

Wenn sie mich fragen, ist das eine wahre Meisterleistung und der Beweis dafür, dass Sie als Ingenieur die Möglichkeit haben, in vielen verschiedenen Bereichen einen grossen Beitrag zu leisten − auch wenn diese auf den ersten Blick überhaupt nichts mit Elektrotechnik zu tun haben. Wenn man nämlich genauer hinschaut, steckt eben überall Elektrotechnik drin.

Über Bernhard Plattner

Prof. Dr. Bernhard Plattner studierte an der Abteilung für Elektrotechnik der ETH Zürich. Seit 1994 ist er ordentlicher Professor für Technische Informatik im Departement Elektrotechnik der ETH Zürich. Seit 2014 ist er Vorsteher des Departements Informationstechnologie und Elektrotechnik. Von 2005 bis 2007 amtete er als Vize-Rektor der ETH Zürich. Durch seine langjährige und intensive Forschungstätigkeit erlangte Prof. Plattner mit Publikationen aus seiner Forschungsgruppe – unter anderem auch als Co-Autor und Herausgeber von mehreren Büchern – internationale Bekanntheit. Bernhard Plattner ist Mitglied in zahlreichen renommierten internationalen Gremien und Verbänden. Als langjähriges Mitglied des Stiftungsrats von SWITCH und als dessen Vizepräsident war er massgeblich am Aufbau des Internet für die Schweizer Hochschulen beteiligt. Als Vorsitzender von Programmausschüssen war Prof. Plattner für den wissenschaftlichen Inhalt einer grossen Zahl von internationalen Konferenzen verantwortlich. Ende Juli 2015 wird Prof. Bernhard Plattner die Leitung des Departements abgeben und den Lehrstuhl für Technische Informatik im Departement Elektrotechnik der ETH Zürich an seinen Nachfolger übergeben.

Dieses Interview stammt aus dem 360° Magazin der ETH Zürich Foundation, herausgegeben von der Open Systems AG. Das ganze Magazin findest Du hier.

 
 
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Sat Jul 22 14:47:15 CEST 2017
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