Spielend leicht Sprachen lernen – ETH Alumnus Severin Hacker spricht im Interview über Duolingo

03.11.2015 | Alumni Porträts

Von:  Valérie Clapasson

ETH Alumnus Severin Hacker stellte Anfang Juni an der ETH die Erfolgsfaktoren der weltweit meistgenutzten Sprachlern-App, Duolingo, vor. Er hatte sie noch während seines Doktorats in den USA zusammen mit seinem Co-Gründer «erfunden». Heute hat er damit riesigen Erfolg. Duolingo verzeichnet bereits über 100 Millionen Nutzer und gab kürzlich bekannt, dass Google Capital rund 45 Millionen Dollar ins Unternehmen investiert.  

ETH Alumnus Severin Hacker  
ETH Alumnus Severin Hacker

«Duolingo ist das weltweit grösste «Learning Lab»», stellte Severin Hacker gleich zu Beginn seiner Präsentation im Juni an der ETH Zürich klar. In Jeans und T-Shirt erklärte der Chief Technology Officer und Miterfinder von Duolingo in einem Saal voll äusserst interessierten Studierenden der ETH Zürich die Entwicklungsidee der Plattform. «Wir wollten, dass die Leute immer wieder Lust haben zu lernen und so auch immer wieder zu Duolingo zurück kommen» sagte er. «Wir entwickelten deshalb einen sehr spielerischen Ansatz – Lernen soll Freude machen und die Motivation hoch bleiben. Rückblickend ist diese Retention-Philosophie unser wichtigstes Erfolgsgeheimnis.» Duolingo bietet heute verschiedenste Sprachlernkurse über drei Apps für drei verschiedene Betriebssysteme sowie die Internetplattform an. Rund 85 Prozent der 100 Millionen Nutzer verwenden eine der mobilen Lösungen, die restlichen 15 Prozent lernen auf dem Web. Alles ist kostenlos und die Apps wurden mehrfach ausgezeichnet, so war Duolingo etwa iPhone-App of the Year 2013 und 2014. Eine Studie von amerikanischen Universitäten hat 2012 sogar herausgefunden, dass 34 Stunden lernen mit Duolingo ein ganzes Semester Sprachkurs an der Uni ersetzen kann. Solche Effizienz und solcher Erfolg zieht auch Grossinvestoren aus dem Technologiebereich an. So konnte Duolingo im Juni bekannt geben, dass Google Capital, zusammen mit anderen Investoren, über 45 Millionen US-Dollar ins Unternehmen investiert. «Dass Google in Duolingo investiert, ist ein grosser Vertrauensbeweis und zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind, um die Zukunft des Lernens zu gestalten», sagte Severin Hacker kurz nach der Ankündigung in einer Schweizer Zeitung.

Severin, wie gehst Du mit so viel Erfolg um?

Der Erfolg ist nicht so präsent, in Pittsburgh gibt’s viele weitere erfolgreiche Startups. Wenn ich dann aber in solchen Listen wie «Top-Innovator under 35» erscheine, dann ist das schon eine gewisse Bestätigung. Vor allem deshalb, weil am Anfang eigentlich niemand an unsere Idee geglaubt hatte und es sehr schwer war, Personen zu finden, die für uns arbeiten wollten. Mit dem Erfolg kam auch der Name. Heute ist es viel einfacher, gute Leute anzustellen. Das finde ich sehr positiv.

Was steckt hinter der Idee von Duolingo?

Ursprünglich wollten wir eine Applikation entwickeln, die das Internet auf alle möglichen Sprachen übersetzt, um es so auch nicht-englisch sprechenden Personen besser zugänglich zu machen. Da die automatischen Übersetzungen aber noch immer ziemlich schlecht funktionieren, kamen wir darauf, das Internet durch Menschen übersetzen zu lassen. Die müssten dann natürlich zweisprachig sein, aber so viele davon gibt es nicht. Deshalb war die neue Idee, dass man dasselbe Ziel vielleicht mit Sprachlernern erreichen könnte. Wenn wir die Kenntnisse jedes einzelnen zu einem Ganzen zusammenführen könnten, würde es vielleicht funktionieren. Die heutige Lernplattform, die so viel Erfolg hat und als das Duolingo wahrgenommen wird, ist eigentlich nur ein Nebenprodukt unserer Ursprungsidee.

Was hat es mit der Retention-Philosophie auf sich?

Als wir die Sprachkurse konzipierten, stellten wir fest, dass es zwei Probleme gibt, die Sprachlerner haben. Einerseits möchten sie möglichst rasch gute Fortschritte machen, andererseits müssen sie dranbleiben, um diese Fortschritte zu machen. Um bessere Lernergebnisse zu erreichen, kann man also mehr lernen in kürzerer Zeit, also die Kurse schwieriger machen oder man kann die «Dranbleib-Quote» erhöhen und so dafür sorgen, dass die Sprachlerner über längere Zeit dran bleiben und so Fortschritte machen. Wir dachten, dass der Spass verloren geht, wenn wir die Kurse schwieriger machen und das wollten wir nicht. Wir entschieden uns deshalb, den Spass zu erhöhen und so auch die Rückkehrquote zu erhöhen. Selbstverständlich hatten wir auch ein Interesse daran, damit unsere Nutzerzahlen zu erhöhen.

Wie erhöht Ihr den Spass?

Wir setzen konsequent auf ein Design, das mehr an ein Spiel erinnert als an eine Schullektion. Zudem fokussieren wir auf den mobilen Zugriff via Mobile Phone oder Tablet. Denn so ist es möglich, überall und jederzeit eine kleine Sprachlernlektion einzuschieben, beispielsweise im Wartezimmer beim Arzt oder auf dem Arbeitsweg. Rund 85 Prozent der Duolingo-Anwender sind denn auch Nutzer der mobilen Lösungen, nur 15 Prozent lernen auf der Webplattform. Und die Retention-Rate ist inzwischen sehr hoch.

Und wie könnt Ihr garantieren, dass trotz spielerischem Design die Lernfortschritte eintreten?

Wir haben adaptive Algorhythmen entwickelt, die sich an die individuellen Lernfortschritte der Nutzer anpassen. Das heisst, jede Lektion enthält personalisierte Lerninhalte, zugeschnitten auf die Lernziele und das Lerntempo des Nutzers. Wenn der Nutzer also stark lernen möchte, kann er das selber steuern und erreicht so die gewünschten Fortschritte. Wenn er lieber langsam lernt, ist auch das möglich.

Wie wurden die Algorhythmen entwickelt?

Wir arbeiten seit dem Anfang mit Experimenten. Dabei teilen wir eine bestimmte Nutzergruppe in Experiment- und Kontrollgruppe auf und testen, welche Neuerungen wie ankommen und funktionieren. Permanent laufen 10 bis 20 solcher Tests parallel. Wenn Neuerungen besser ankommen als Bestehendes, stellen wir die ganze Community auf diese Neuerungen um. Dieses Testing ist unsere Grundlage. So finden wir heraus, was am besten funktioniert und adaptieren entsprechend.

Warum ist Duolingo gratis?

Ich und mein Co-Gründer Luis von Ahn wollten etwas machen, das die Chancengleichheit für alle verbessert. Lernen, und vor allem Sprachenlernen, ist sehr oft an ein gutes Finanzbudget geknüpft. Dies wollten wir durchbrechen. Es soll jeder, der Zugang zum Internet hat, gratis Sprachen lernen können, unabhängig von Wohnort und Budget. Wir finden, dass wir damit die Welt ein Stück weit verbessern.

Und wie kommt Duolingo zu Geld?

Die Ursprungsidee war ja, dass wir mit Duolingo das Internet übersetzen. Das klappt noch immer nicht einwandfrei, aber wir haben ein System entwickelt, bei dem wir Übersetzungen verkaufen. Unsere Sprachlerner helfen uns dabei, Texte zu übersetzen. Und weil viele Personen den gleichen Text übersetzen, der am Ende noch von einer Person physisch gegengelesen wird, können wir eine sehr gute Qualität garantieren. Diese Übersetzungen verkaufen wir dann an Unternehmen, die so etwas benötigen. So übersetzen wir beispielsweise die spanischsprachigen Tech News von CNN. Ein weiteres Finanzierungsstandbein ist zur Zeit im Aufbau. Wir bieten neu kostenpflichtige Zertifikate an, mit denen die Sprachlerner beispielsweise bei Bewerbungen nachweisen können, dass sie eine Sprache auf einem bestimmten Niveau beherrschen.

Sprachen lernt man vor allem in der Schule. Ist das auch eine Eurer Zielgruppen?

Ja, wir möchten die Kurse gerne auch in den öffentlichen Schulen anbieten. Zur Zeit ist unsere Hauptzielgruppe aber vor allem noch junge Erwachsene. Um die Schulkinder zu erreichen, sind wir zur Zeit daran, die Kurse leicht zu modifizieren. In den USA beispielsweise ist es nicht erlaubt, Worte wie «Bier» oder «Wein» in den Lektionen zu lehren, wir müssen sie deshalb leicht umschreiben.

Kann man mit Duolingo eine Sprache fliessend sprechen lernen?

Als mein Freund Luis in Guatemala geheiratet hat, habe ich es selber ausprobiert. Ich habe im Vorfeld den ganzen Spanischkurs durchgemacht und kam vor Ort zum Schluss, dass ich zwar vieles Lesen und Verstehen konnte, meine mündlichen Fähigkeiten aber noch nicht so gut waren. Wir sind deshalb zur Zeit daran, diesen Aspekt in den Lektionen zu verbessern. So soll man zukünftig mehr selber sprechen müssen und es gibt mehr Aufgaben, bei denen man sich überlegen muss, was man sagen muss und wie es ausgedrückt werden soll.

Dennoch gibt es Studien, die belegen, wie Effizient das Lernen mit Duolingo ist.

Genau. 2012 untersuchten zwei amerikanische Universitäten unsere Plattform und kamen zum Schluss, dass 34 Stunden Lernen mit Duolingo ein ganzes Semester Sprachkurs an der Uni ersetzen kann… Ich würde diese Studie heute gerne nochmal wiederholen, da ich glaube, dass wir in der Zwischenzeit noch besser geworden sind.

Du bist mit 31 bereits ein sehr erfolgreicher Unternehmer. Was hat die ETH Zürich dazu beigetragen?

Der Informatik-Bachelor der ETH Zürich war rückblickend eine hervorragende Vorbereitung für mein Doktorat in den USA. Das habe ich aber erst in den USA gemerkt, vorher habe ich mich nämlich eher über die viele Mathematik im Bachelorstudium geärgert. Im Doktorat stand ich aber plötzlich in Konkurrenz zu Personen, die von anderen sehr guten Schulen kamen und habe gemerkt, dass ich aufgrund meiner ETH-Vorbildung problemlos mithalten konnte. Die ETH Zürich vermittelt in meinen Augen also hervorragendes Grundlagenwissen. Ich finde aber, dass sie sich im unternehmerischen Bereich noch etwas öffnen sollte und Initiativen und Startup-Ideen besser fördern sollte.

www.duolingo.com

 
 
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