Fred Kindle: „Mir ist es wichtig, zu gestalten“

22.01.2016 | Alumni Porträts

Von:  360° Magazin, Open Systems AG

Die ETH sei in der faktenbasierten, akademischen Ausbildung allen anderen Ausbildungen, die er aus erster Hand kenne, überlegen, sagt Fred Kindle, der als Berater, CEO, Verwaltungsrat und aktiver Investor international Karriere gemacht hat. Ganz wichtig ist ihm aber die Erkenntnis, dass die Ausbildung allein, nicht erfolgsentscheidend ist. Kindle ist überzeugt: Um sich im globalen Wettbewerb der Talente durchzusetzen, muss man sich durch Charakter und Engagement profilieren.

Fred Kindle  
Fred Kindle, Partner, Clayton, Dubliner & Rice 

Herr Kindle, Sie haben an der ETH Zürich studiert. Wie kam Ihr Entscheid damals zustande?

Obwohl das ja schon ein paar Jahre her ist, kann ich mich gut an diese Zeit erinnern. Es war kein einfacher Prozess, denn ich habe mich für viele Themen interessiert. Ich hätte mir einige Studienrichtungen vorstellen können − angefangen von Germanistik, Medizin und Architektur bis hin zu den wirklichen Naturwissenschaften wie Physik oder Mathematik. Ich habe dann anhand eines Kriterienkatalogs versucht, die Auswahl zu minimieren. Am Schluss waren es noch zwei: Architektur und Maschinenbau.

Sie haben sich für die Ingenieurwissenschaften entschieden. Weshalb?

Das Ingenieurstudium hat mir erlaubt, offen zu bleiben. Vielleicht hat es mir damals auch etwas an Entschlusskraft gefehlt. Aber ich konnte mich einfach nicht von verschiedenen Themen trennen, die mich interessiert haben. Zu meiner Zeit war das Maschinenbaustudium so strukturiert, dass es neben den allgemeinen Fächern zwei Kernausrichtungen gab, zwischen denen man auswählen konnte. Ich habe mich für die Betriebswissenschaften entschieden, mit Fächern wie BWL, Recht, Arbeitspsychologie und Lösungsmethodik. Dazu wählte ich Operation Research, also im Prinzip angewandte Mathematik. Vielleicht entscheidend für mich war, dass ich das Gefühl hatte, im Laufe des Ingenieurstudiums noch ein wenig nach links und rechts abweichen zu können.

Das ist interessant. Viele Maturandinnen und Maturanden studieren Rechtswissenschaften, wenn sie sich über ihre berufliche Zukunft nicht ganz sicher sind …

Das kam für mich nicht in Frage. Die Naturwissenschaften haben mich schon sehr fasziniert, insbesondere die Mathematik. Und mir war vor allem schon damals klar, dass die ETH einen ausgezeichneten Ruf hat und die Qualität der Ausbildung überdurchschnittlich ist. Ich war mir sicher: Was immer ich auch an der ETH studiere, eine Ausbildung an dieser Institution hat Hand und Fuss.

Und, wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Auf jeden Fall. Die Kombination der Fächer war für mich ideal und ich hatte eine ausgezeichnete Basis, um ins Berufsleben einzusteigen.

Was bei Ihnen nicht der klassische Weg eines Ingenieurs war …

Ich entschied mich für einen Einstieg in die Marketing-Abteilung beim Werkzeughersteller Hilti. Für die damalige Zeit war das sicher ungewöhnlich.

Bleiben wir noch kurz bei der ETH. Professor Guzzella sagt, dass man an der ETH denken lernt. Würden Sie das bestätigen?

Ja, das würde ich auf jeden Fall bestätigen. Wir haben uns während des Studiums intensiv mit dem strukturierten Denken und problemorientierten Lösungsansätzen auseinandergesetzt. Es ging darum, die Fähigkeit zu entwickeln, ein Problem zuerst mit gewissen Modellen und Methodiken zu analysieren und sauber zu strukturieren. Erst in einem zweiten Schritt wurden dann Lösungsansätze entwickelt, beurteilt und priorisiert, um letztlich zu entscheiden, welchen Weg man wählt. Das hat mir schon sehr geholfen. Und zwar ganz grundsätzlich − auch später im Berufsleben.

Was hat Sie an der Marketing-Stelle bei Hilti gereizt?

Ich hatte nach der ETH das Gefühl, dass ich das gute Rüstzeug, das ich mir als Ingenieur auf der naturwissenschaftlichen Seite erarbeitet hatte, mit etwas ergänzen wollte, was mich befähigt, im Management aktiv zu werden. Hilti war schon damals ein sehr innovatives Unternehmen. Für Martin Hilti, den Unternehmensgründer, stand der Markt im Zentrum. Das ganze Unternehmen war voll auf die Kundenbedürfnisse ausgerichtet. Seine Aussage, dass Marktbesitz wichtiger sei als Fabrikbesitz, war für diese Zeit neu. Das hat mich sehr fasziniert.

„Ich wollte ins Ausland, um neue Kulturen kennenzulernen und weitere Impulse für die Gestaltung meiner beruflichen Zukunft zu erhalten. Durch die ETH hatte ich eine sehr gute akademische Basisausbildung.“ Fred Kindle, Partner, Clayton, Dubliner & Rice

Sie haben dann einen MBA in den USA gemacht. War das ein bewusster Karriereentscheid oder hatten Sie das Gefühl, dass Ihnen nach der ETH im Ausbildungs-Rucksack etwas fehlte?

Sowohl als auch. Dazu kam, dass es mir in Liechtenstein und der Schweiz mit der Zeit einfach etwas zu eng wurde. Ich wollte ins Ausland, um neue Kulturen kennenzulernen und weitere Impulse für die Gestaltung meiner beruflichen Zukunft zu erhalten. Durch die ETH hatte ich eine sehr gute akademische Basisausbildung. Gleichzeitig habe ich bei Hilti «on the job» sehr viel Neues gelernt. Ich war mir sicher, dass mir ein MBA an einer amerikanischen Universität das nötige Management-Rüstzeug bieten würde. Dass sich ein MBA an einer angesagten amerikanischen Uni im CV gut macht, war mir natürlich auch bewusst. Ich bewarb mich deshalb an der Northwestern University in Chicago – in Bezug auf die Ausbildungsqualität und die internationale Reputation sozusagen das Pendant zur ETH im Bereich der MBA-Ausbildung.

Zurück in der Schweiz haben Sie bei der Unternehmensberatung McKinsey & Company angeheuert. Offenbar konnten Sie sich immer noch nicht auf eine Industrie festlegen?

Das ist richtig, bei McKinsey hatte ich auch ein sehr breites Kundenportfolio. Wenn Sie bei einem solchen Unternehmen arbeiten, geht die Lernkurve ungebremst weiter nach oben. Aber nach vier Jahren spannender Projekte wurde der Wunsch nach Veränderung immer stärker. Die Anfrage eines Headhunters kam deshalb genau zum richtigen Zeitpunkt.

Was geschah dann?

Das Angebot des Headhunters regte mich an, mich im Markt umzusehen. Nach kurzer Zeit hatte ich verschiedene Angebote auf dem Tisch. Ich wollte unbedingt eine Herausforderung, bei der ich gestalten konnte. Ich habe mich deshalb für eine spannende Aufgabe beim Industrieunternehmen Sulzer entschieden …

Dessen CEO Sie 1999 wurden …

Genau. Bei meinem Wechsel von McKinsey zu Sulzer 1992 übernahm ich aber zuerst die P&L-Verantwortung für einen global tätigen Bereich, der mit operativen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Diese Zeit war sehr intensiv und ich konnte in kurzer Zeit ungeheuer viele Erfahrungen sammeln. Entscheidend für mich war aber wie bereits erwähnt, dass ich die Chance hatte, zu gestalten. So haben wir zum Beispiel gegen grossen internen Widerstand in Polen und in Shanghai neue Fabriken eröffnet. Das war risikoreich, wirtschaftlich aber ein grosser Erfolg.

„Ich bin überzeugt, dass das Wichtigste für einen CEO seine Glaubwürdigkeit ist. Nicht nur nach aussen, sondern vor allem auch nach innen und gegenüber sich selber.“   Fred Kindle, Partner, Clayton, Dubliner & Rice

Sie haben dann als CEO Sulzer und später ABB geführt, zwei sehr bekannte, global tätige Industriekonzerne in hart umkämpften Märkten. Welche Fähigkeiten waren für Sie in diesen Positionen besonders wichtig?

Ich bin überzeugt, dass das Wichtigste für einen CEO seine Glaubwürdigkeit ist. Nicht nur nach aussen, sondern vor allem auch nach innen und gegenüber sich selber. Glaubwürdig zu sein heisst für mich, dass man mit aller Kraft versucht, das Richtige zu tun. Und das wiederum setzt für mich voraus, dass man basierend auf Fakten handelt. Nicht aus dem hohlen Bauch heraus oder weil man den Applaus der Aktionäre, der Börse oder der Medien sucht. Als CEO fällt man täglich Entscheide, die Konsequenzen haben − für das Business, aber vor allem auch für Menschen. Das muss man sich immer bewusst sein. Deshalb ist es entscheidend, dass man glaubwürdig ist. Dass das, was man macht, wirtschaftlich und moralisch richtig und notwendig ist. Und das wiederum heisst in letzter Konsequenz, dass man nicht spekuliert, sondern faktenorientiert arbeitet. Jemand, der an der ETH studiert hat, ist gewohnt, basierend auf Fakten zu entscheiden.

Seit 2008 sind Sie Partner von Clayton, Dubilier & Rice, einem renommierten Unternehmen für Private Equity. Investieren Sie in dieser Rolle nicht oft auch in Menschen mit visionären Ideen und weniger auf Fakten basierend?

Das ist richtig, wobei das eine das andere nicht ausschliesst. Der entscheidende Punkt liegt darin, dass im Management je nach Situation zwei unterschiedliche Rollen gefragt sind: Die des Managers und die des Leaders. Der Leader muss die Gabe besitzen, Menschen für ein Ziel zu begeistern, sie dazu motivieren, einen Sprung ins Ungewisse zu machen und dabei gewisse Risiken einzugehen.

Der Manager auf der anderen Seite muss mit Hilfe von Fakten Sicherheit und Planbarkeit herstellen. Dann setzt er diese Pläne um, kontrolliert laufend, wo das Unternehmen steht, und greift korrigierend ein, wenn es negative Abweichungen gibt.

Beide Rollen sind für das Unternehmen enorm wichtig. Der Manager ist eher der Technokrat, analysiert faktenbasiert, entscheidet, kontrolliert und interveniert. Der Leader spricht den Bauch an, weckt Emotionen, begeistert Leute. Eine wirklich gute Führungsperson, die auch langfristig am Erfolg eines Unternehmens interessiert ist, muss mit dieser Schizophrenität umgehen können, diese beiden unterschiedlichen Rollen in sich vereinigen und situativ leben können.

Das scheint mir sehr anspruchsvoll zu sein.Kann man das lernen oder muss man dazu geboren sein?

Ich glaube schon, dass man das teilweise lernen kann. Die ETH ist in der faktenbasierten, akademischen Ausbildung − also in der Substanz − allen anderen Ausbildungen, die ich aus erster Hand kenne, überlegen.

Die Ausbildung in den USA war aber in Bezug auf Leadership sicherlich ein entscheidender Impuls für mich. Das Umfeld war geprägt von Dynamik, Begeisterung und Energie. Das hat bei mir auch etwas bewirkt und die Freude am Gestalten und am Unternehmertum geweckt. Mittlerweile spüren wir in der Schweiz auch mehr von dieser positiven Energie. Ich denke aber, dass in dieser Beziehung ein Auslandaufenthalt − heute zum Beispiel in Asien − nach wie vor sehr empfehlenswert ist.

Sie würden also einem Studierenden empfehlen, Berufserfahrung im Ausland zu sammeln?

Auf jeden Fall. Ich glaube fest an den Nutzen von dem, was früher als Lehr- und Wanderjahre bezeichnet wurde. Obwohl wir in der Schweiz in einem sehr internationalen Umfeld leben, ist es enorm wichtig, dass man ausserhalb der eigenen Landesgrenzen Erfahrungen sammelt. Business ist heute global und es ist aus meiner Sicht entscheidend, dass man andere Kulturen kennenlernt. Wer auf der internationalen Bühne spielen will − also in einem globalen Unternehmen Karriere machen und Verantwortung übernehmen will −, muss sich hinauswagen. Diesbezüglich sind wir Schweizer vielleicht etwas zu schüchtern oder vielleicht sogar zu bequem.

Als aktiver Investor arbeiten Sie heute sehr eng mit dem Management Ihrer Portfolio- Unternehmen zusammen. Sind Sie dabei mehr Leader oder mehr Manager?

In erster Linie sehen wir uns als Unternehmer. In allen Firmen, in denen ich investiert bin, sitze ich im Verwaltungsrat − den ich in den meisten Fällen auch präsidiere. Somit bin ich nicht direkt für das operative Geschäft verantwortlich, arbeite aber sehr eng mit dem CEO zusammen. Wir tragen eine grosse Verantwortung, weil wir in den meisten Fällen hundert Prozent der Aktien − oder sicher die Aktienmehrheit − halten.

Die Intensität der Zusammenarbeit ist natürlich unterschiedlich. Wenn ein Geschäft sehr stabil läuft und man wenig eingreifen muss, habe ich weniger intensiven Kontakt. Im anderen Fall beschäftige ich mich fast täglich mit einem Unternehmen. Auch hier liegt mir viel daran, zu gestalten. Das heisst vor allem gemeinsam mit dem Management Visionen und neue Geschäftschancen zu entdecken und umzusetzen. Das beinhaltet alle klassischen Bereiche von Kostensenkung und Produktivitätssteigerung über organisches Wachstum und geographische Expansion bis zu Übernahmen. Deshalb habe ich auch nach sieben intensiven Jahren Private Equity nach wie vor sehr viel Freude an meiner Position.

„Wenn sich jemand für Naturwissenschaften undTechnologie interessiert, empfehle ich die ETH aus tiefster Überzeugung. Was einem da im Studium mitgegeben wird, ist von grossem Gehalt." Fred Kindle, Partner, Clayton, Dubliner & Rice

Sie sind Vater von fünf Kindern, die alle die Matura gemacht haben. Was haben Sie ihnen bezüglich ihrer Studienwahl empfohlen?

Das Wichtigste ist, dass sie sich darüber im Klaren sind, welchen Beruf sie später einmal ausüben wollen. Wenn man sich für den Beruf entschieden hat, kommt die Frage nach der besten Ausbildung und der dafür richtigen Universität oder Hochschule. Wenn sich jemand für Naturwissenschaften undTechnologie interessiert, empfehle ich die ETH aus tiefster Überzeugung. Was einem da im Studium mitgegeben wird, ist von grossem Gehalt. Zusätzlich zum Erlernten öffnet einem ein Diplom der ETH weltweit Tür und Tor. Wenn jemand sich für Medizin, Wirtschaft oder die Jurisprudenz entscheidet, stehen natürlich andere Institutionen im Vordergrund.

Raten Sie Ihren Kindern auch zu einem Nachdiplomstudium, zum Beispiel einem MBA?

Für uns ist es grundsätzlich wichtig, dass unsere Kinder irgendwann Zeit im Ausland verbringen − sei es für eine Ausbildung oder einfach nur, um eine ihnen fremde Kultur kennen zu lernen. Einen MBA braucht man aus meiner Sicht nicht zwingend, um im Management tätig zu sein. Es ist aber nach wie vor so, dass einem diese Ausbildung hilft, seinen Horizont zu erweitern und wichtiges Fachwissen in den Bereichen Finanz, Marketing oder Organisationstheorie dazuzulernen. Zudem eröffnet einem das Studium an einer Eliteuniversität zusätzliche Berufschancen.

Ganz wichtig ist aus meiner Sicht die Erkenntnis, dass die Ausbildung allein nicht erfolgsentscheidend ist. Sie können in ihrem Leben noch so viele Studien erfolgreich absolviert haben, das wird ihnen nur bedingt helfen, sich im globalen Wettbewerb der Talente durchzusetzen. Am Schluss − und davon bin ich zutiefst überzeugt − müssen Sie sich auch durch ihren Charakter und ihr Engagement profilieren und die Optionen, die Ihnen das Leben bietet, mit viel Initiative und Herzblut realisieren.

Über Fred Kindle

Fred Kindle ist Doppelbürger der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein. Er studierte von 1979 bis 1984 Maschinenbau und Verfahrenstechnik an der ETH Zürich. Von 1984 bis 1986 war er Projektleiter im Marketing bei Hilti, 1986 bis 1988 folgte die Ausbildung zum Master of Business Administration an der North Western University in Chicago. Es folgten vier Jahre bei McKinsey & Company, 1992 wechselte er zu Sulzer, wo er 1999 CEO der Sparte Industries und ab 2001 CEO des ganzen Sulzer-Konzerns wurde. Von 2005 bis 2008 war Fred Kindle CEO der ABB, bevor er Partner bei Clayton, Dubilier & Rice wurde. Fred Kindle lebt mit seiner Frau in London.

Dieses Interview stammt aus dem 360° Magazin der ETH Zürich Foundation, herausgegeben von der Open Systems AG. Das ganze Magazin findest Du hier.

 
 
URL der Seite: http://www.alumni.ethz.ch/news-und-medien/news/2016/01/mir-ist-es-wichtig-zu-gestallten.html
Sat Mar 25 00:53:48 CET 2017
© 2017 Eidgenössische Technische Hochschule Zürich