Urs Hölzle: "Informatik ist keine enge Karriere-Wahl, sondern lässt einem viele Möglichkeiten offen."

29.02.2016 | Alumni Porträts

Von:  360° Magazin, Open Systems AG

Als Topmanager von Google prägt Urs Hölzle mit seiner Arbeit nicht nur die globale Technologie-landschaft, sondern auch das Leben von Millionen von Menschen. Einen guten Manager zeichnen aus seiner Sicht vor allem drei Dinge aus: ein fundiertes Technologieverständnis basierend auf einer soliden Ausbildung, die Fähigkeit, zu kommunizieren, und eine gewisse Lockerheit in der Karriereplanung.

Urs Hölzle, Topmanager bei Google  
Urs Hölzle, Topmanager bei Google

Herr Hölzle, Sie haben 1983 Ihr Studium begonnen. Weshalb haben Sie sich damals für die ETH entschieden?

Ich wollte Informatik studieren und dafür gab es zu dieser Zeit praktisch nur einen Ort: die ETH in Zürich. Von dem her gesehen, war die Wahl für mich sehr einfach.

Was haben Sie aus Ihrer Zeit an der ETH mitgenommen?

Das Departement war gerade einmal zwei Jahre alt. Deshalb war die Ausbildung damals noch sehr breit, sicher ein wenig breiter als das heutige Angebot. Wir hatten damals viel mehr Mathematik als Informatik. Mir hat vor allem das Umfeld gefallen. Ich konnte Vorlesungen oder Vorträge besuchen, die mich zum Denken angeregt haben. Da ging es nicht nur um Informatik, sondern um allgemein spannende Themen aus der Wissenschaft. Und was mir natürlich auch sehr gut gefallen hat an der ETH ist, dass es eine internationale Universität ist. Ich hatte sehr viel Kontakt zu Menschen aus anderen Kulturen und Ländern.

Weshalb wollten Sie Informatik studieren?

Das Thema hat mich sehr interessiert. Zudem war mir bewusst, dass ich nach meiner Ausbildung etwa 40 Jahre lang arbeiten werde. Die Informatik gab mir diesbezüglich eine ungeheure Flexibilität. Ich würde zwar 40 Jahre lang in der Informatik tätig sein, könnte aber wählen, in welcher Industrie oder in welchem Spezialgebiet. Informatiker braucht es überall – in der Medizin, in der Biologie oder im Energiewesen. In diesem Sinne ist Informatik eigentlich keine sehr enge Karrierewahl, sondern lässt einem viele Möglichkeiten offen.

Hatten Sie von Anfang an das Ziel, nach dem Studium im Ausland zu doktorieren?

Nein, eigentlich nicht. Ich wusste auch gar nicht, ob ich wirklich doktorieren will. Das hat sich alles so ergeben. Ich habe das von Jahr zu Jahr so genommen. Eigentlich so richtig Gedanken darüber gemacht habe ich mir erst im letzten Jahr des Studiums. In die USA wollte ich schlussendlich, weil das Thema, für das ich mich interessiert habe, in der Schweiz oder sogar in Europa gar nicht stattfand. Ich habe mich damals intensiv mit objektorientierten Programmiersprachen beschäftigt. Die Forscher, die sich damit befasst haben, sassen praktisch alle in den USA. Die Universität Stanford habe ich wegen meines späteren Doktorvaters ausgewählt. Als ich seine Veröffentlichungen gelesen habe, wusste ich, dass ich mich bei ihm bewerben wollte.

An der ETH zu doktorieren war also nie eine Option für Sie?

Nein, ich wollte ja nicht einfach doktorieren, um den Titel zu bekommen, sondern um mich auf einem bestimmten Gebiet, das mich faszinierte, weiterzuentwickeln. Von dem her gesehen habe ich mir nicht den Ort ausgesucht, sondern die Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten wollte.

Waren Sie mit Ihrem ETH-Abschluss gut auf die Standford University vorbereitet?

Absolut, die ETH gehörte bereits damals zu den besten Institutionen der Welt. Die Aufnahmeprüfung an die Stanford University habe ich mit einem sehr geringen Aufwand bewältigt.

Aber dann tauchten Sie wahrscheinlich in eine andere Welt ein, oder?

Ja, der Unterschied ist wirklich riesig, insbesondere, was den Betrieb angeht. Stanford war schon damals weniger eine Schule, sondern viel mehr ein Treffpunkt für Gleichgesinnte. Die Universität hatte schon früh einen sehr engen Kontakt zur Industrie und es war nicht ungewöhnlich, dass Professoren sich aktiv in Start-ups engagierten.

An der ETH war die Ausrüstung viel besser. Auch die, die uns Studierenden zur Verfügung stand. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir an der ETH Apple Macintosh Computer und Sun Workstations nutzen konnten. In Stanford waren es 24 × 80 Pixel grosse Terminals, ohne graphische Oberfläche. Als Doktorand musste man sich einer Forschungsgruppe anschliessen. Dort war dann das Geld vorhanden und die Ausrüstung besser. Der Entscheid, in welche Forschungsgruppe man einsteigen will, musste man sich selber erarbeiten. Ich brauchte fast zwei Jahre, um herauszufinden, zu welchem Thema ich doktorieren wollte.

"Ein Ingenieur, der das Internet zu seinen Gunsten nutzt, kann überall arbeiten, also in jeder Branche und physisch an jedem Ort." Urs Hölzle, Informatiker und Topmanager bei Google

Gab es etwas, was Sie in der Ausbildung an der ETH nicht oder zu wenig vermittelt bekamen?

Der grösste Unterschied zur Schweiz war damals, dass die amerikanischen Unis die Studierenden viel mehr darauf vorbereitete, ihre Ideen zu kommunizieren. Egal ob man einen Vortrag machte oder eine Arbeit schrieb, die Erwartungen in Bezug auf die Kommunikation und Präsentation der erarbeiteten Inhalte waren enorm hoch und wurden dann entsprechend auch geübt. Das war sicher etwas, was zu meiner Zeit an der ETH noch nicht so hoch gewichtet wurde. Ich persönlich empfinde Kommunikation als wichtigen Erfolgsfaktor – und zwar nicht nur in der akademischen Welt, sondern vor allem auch im Berufsleben. Ich habe das Gefühl, in der Schweiz lernt man das eher «on the job» und in den USA in der Schule – und zwar noch vor der Uni. Das hat sich in den letzten 25 Jahren sicher auch an der ETH stark geändert. Trotzdem gehören in den internationalen Meetings die Präsentationen der Amerikaner immer noch zu den besten.

Können Sie etwas konkreter erklären, weshalb für Sie Kommunikation so wichtig ist?

Weil Informatik Teamwork ist. Es gibt in der Informatik ganz wenige Bereiche, wo Sie heute als Einzelperson einen ganz grossen Impact machen können, zum Beispiel in der Kryptologie oder Kompressionstechnik. Dort kommt es vor allem auf den Algorithmus an. Da kann eine einzelne Person schon wegweisende Fortschritte machen. Aber normalerweise sind es Teams von mindestens zwei oder drei Ingenieuren, die eng zusammenarbeiten und gemeinsam etwas bewegen. Deshalb ist es entscheidend, dass man seine Ideen und die Arbeit, die man macht, anderen Menschen vermitteln kann. Wenn sie immer wissen, was das Richtige wäre, aber es den anderen im Team oder im Unternehmen nicht vermitteln können, wird das Richtige nie passieren. Deshalb kann aus meiner Sicht jemand, der sich nicht klar ausdrücken kann, nie erfolgreich sein.

Das heisst, wer bei Google Karriere machen will, muss neben der fachlichen Kompetenz vor allem gut kommunizieren können?

Auf jeden Fall. Wie andere Unternehmen auch unterscheiden wir bei Google für die berufliche Karriere zwischen einem Technical Track und einen Management Track. Das heisst, sie haben zwei verschiedene Möglichkeiten, sich bei Google beruflich zu entwickeln: Durch das Führen von Menschen oder das vertiefte technische Wissen. In beiden Bereichen ist die Kompetenz, zu kommunizieren, erfolgsentscheidend. Das scheint auf den ersten Blick für einen Manager verständlicher als für einen Tech-Lead. Aber gerade als Verantwortlicher für die Technologieentscheide müssen Sie sicherstellen, dass alle in der Organisation verstehen, was Sie entschieden haben und aus welchen Überlegungen heraus. Es ist fundamental wichtig, dass alle die technische Ausrichtung des Unternehmens kennen und die Gründe dafür verstehen.

Verhält es sich ähnlich mit dem technischen Wissen? Müssen Manager bei Google auch ein tiefes Technologieverständnis haben?

Ja, ich denke das ist eine der Stärken von Google, dass wir auch von den Managern ein grosses Technologieverständnis verlangen. Auch wenn sie die technische Entscheidung nicht fällen, ist es wichtig, dass Manager und Tech-Lead eng zusammenarbeiten. Dafür muss ein Manager die Technologie und die daraus entstandenen Daten und Fakten, die als Entscheidungsbasis dienen, auch verstehen. In den Fragestellungen, mit denen wir uns beschäftigen, gibt es oftmals kein einfaches Ja oder Nein und kein einfaches A oder B. Wenn der Tech-Lead am Schluss einen «Judgment Call» fällt, muss auch der Manager das Gesamtbild verstehen, und das beinhaltet neben dem wirtschaftlichen und organisatorischen Teil eben auch die technologischen Aspekte. Deshalb entwickeln sich die Leute bei uns normalerweise zuerst zum Tech-Lead, auch wenn sie später Managementaufgaben übernehmen wollen. Sie kommen sozusagen als Ingenieure weiter und wechseln dann ins Management.

Die Technologisierung der Welt schreitet mit grossen Schritten voran. Ist es heute im Business von Vorteil, Ingenieur zu sein?

Ich denke schon, denn Ingenieure können in aller Regel die Möglichkeiten des Internets viel besser einschätzen und nutzen. Das Internet ist aus meiner Sicht die wahre Revolution. Ein Ingenieur, der das Internet zu seinen Gunsten nutzt, kann überall arbeiten, also in jeder Branche und physisch an jedem Ort.

"Auf der anderen Seite denke ich aber, dass Sie als Ingenieur und insbesondere als Informatiker die besten Voraussetzungen für den beruflichen Erfolg haben." Urs Hölzle, Informatiker und Topmanager bei Google

Können Sie das etwas genauer erklären?

Das Internet hat die Welt viel mehr verändert, als dass die Welt technischer geworden wäre. Die Welt war auch vor 20 Jahren schon technisch. Die Elektrizität, das Telefon, das Auto – das waren alles innovative Technologien, entwickelt von ausgezeichneten Ingenieuren. Diesen Ingenieuren wäre es aber im Gegensatz zu heute nie möglich gewesen, mit einer guten Idee so schnell ein globales Publikum – und dadurch einen globalen Markt – zu erreichen. Software und das Internet haben diese Revolution erst möglich gemacht. Selbstverständlich ist es nach wie vor ungeheuer schwierig, eine gute Idee zu finden und die dann technisch umzusetzen. Dank Software und dem Internet können Sie als Ingenieur heute aber mit einem relativ kleinen Aufwand Ihre Idee global verteilen. Sie können in kleinen Teams Dinge entwickeln und mit dem Erfolg sehr rasch skalieren. Sie brauchen am Anfang auch nicht viel Kapital, um Investitionen in die Produktion oder in ein Verteilernetzwerk zu machen. Wenn Sie früher etwas ausgetüftelt haben, konnten Sie das nicht einfach in einem Warenhaus in die Gestelle legen und verkaufen. Im Internet kann jeder alles anbieten und verkaufen. Der globale Zugriff auf Ideen ist dank dem Internet viel einfacher geworden. Und weil Sie sich die Ideen auch durchsetzen können, sind sie viel bedeutender.

Was würden Sie einer Maturandin oder einem Maturanden sagen, der sich mit seiner Karriereplanung auseinandersetzt?

Ich würde ihr oder ihm sagen, dass ich nichts von Karriereplanung halte. Wenn ich so zurückblicke, lag ich während meiner Ausbildung und meinen ersten Berufsjahren mit allen meinen Prognosen, was ich die nächsten zwei Jahre machen würde, ziemlich stark daneben. Und ich muss sagen, dass ich das eigentlich sehr gut finde. Man darf sich nicht zu viele Sorgen um die Zukunft machen. Ich finde es wichtiger, sich auf die Sache zu konzentrieren, die man gerade macht. Wenn man das, was man macht, nämlich gut macht, ergibt sich die nächste Chance wie von selbst.

Sie sagen also, kein Plan ist der bessere Plan?

Natürlich war mir klar, dass es nicht schädlich ist, nach Stanford zu gehen, um dort zu doktorieren. Wenn Sie mich damals aber gefragt hätten, wäre ich überzeugt gewesen, dass ich nach vier Jahren in die Schweiz zurückkehren werde, um etwas anderes zu machen. Das kam ja überhaubt nicht so heraus. Meine Dissertation in Stanford, meine Zeit an der University of California, mein erstes Start-up, die Zeit bei Sun Microsystems oder die Begegnung mit Larry und Sergey. Das war alles nicht geplant, das hat sich einfach so ergeben.

Hatten Sie diese Gelassenheit auch, weil Sie gewusst haben, dass Sie mit der ETH den optimalen Start gehabt haben?

Wenn man einen Beruf lernt, der auf dem Markt begehrt ist, und man die Ausbildung an einer so renommierten Institution gemacht hat, muss man sich wirklich keine Sorgen machen. Sie dürfen nur nicht nervös werden, wenn es bei einer Arbeitsstelle einmal nicht klappt. Wenn Sie an einem Ort arbeiten, wo es Ihnen nicht gefällt, wartet eine andere Stelle auf Sie. Das ist hier im Silicon Valley natürlich einzigartig. Wenn man hier einen Fehler macht, ist das «no big deal». Wichtig ist, dass Sie den gleichen Fehler nicht zweimal machen. Hier im Silicon Valley ist man dann erfolgreich, wenn man immer neue Fehler macht, anstatt die gleichen Fehler zu wiederholen.

Diese Kultur macht es natürlich wesentlich einfacher, locker zu bleiben …

Das stimmt schon. Auf der anderen Seite denke ich aber, dass Sie als Ingenieur und insbesondere als Informatiker die besten Voraussetzungen für den beruflichen Erfolg haben. Das Wissen und die Fähigkeiten von guten Ingenieuren werden immer gebraucht. Man muss nur offen sein und den Mut haben, Veränderungen im Leben als Herausforderung anzunehmen, und Chancen, die sich einem auf diesem Weg bieten, zu packen. Die Welt wird sich auch in Zukunft rasant verändern. Damit muss man einfach umgehen können.

Über Urs Hölzle

Urs Hölzle kommt ursprünglich aus Liestal im Kanton Basel-Land. Er studierte von 1983 bis 1988 Informatik an der ETH Zürich, promovierte 1994 an der Stanford University und arbeitete als Assistenz-Professor of Computer Science an der University of California. Zu Google stiess Hölzle 1999, als das Unternehmen noch auf wenigen Quadratmetern mit 30 PCs in Regalen arbeitete. Heute ist er Google Fellow und als Senior Vice President global für die technische Infrastruktur zuständig. Mit seinem Team setzt er sich konsequent für eine Reduktion des Energieverbrauchs der Google-Rechenzentren ein und hat dadurch den Gesamtverbrauch der Google-Infrastruktur auf die Hälfte der marktüblichen Werte gesenkt. Urs Hölzle ist Mitglied im Board of Directors des WWF. Er ist verheiratet und lebt in Palo Alto. Sein Hund Yoshka, der ihn in den Anfangsjahren regelmässig zur Arbeit begleitete, ging als «first dog» in die Firmengeschichte von Google ein.

Dieses Interview stammt aus dem 360° Magazin der ETH Zürich Foundation, herausgegeben von der Open Systems AG. Das ganze Magazin findest Du hier.

 
 
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23.06.2017
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