Corine Mauch: Die Stadtschwärmerin

15.03.2016 | Alumni Porträts

Von:  Samuel Schläfli

Mit Corine Mauch steht eine ETH Alumna an der Spitze Zürichs. Für die Agronomin gingen wissenschaftliche Umweltanalyse und politisches Engagement schon immer Hand in Hand.

Bild: Tanja Demarmels  
Bild: Tanja Demarmels

Corine Mauch, die erste Stadtpräsidentin Zürichs, scheint vieles richtig zu machen: Laut der letzten Bevölkerungsbefragung leben 98 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner sehr gerne oder gerne in Zürich; 89 Prozent benoteten die Lebensqualität mit einer 5 oder 6. Die Stadt ist finanziell gut aufgestellt und Mauch kann bis ins bürgerliche Lager auf Unterstützung zählen. Seit sechs Jahren verkörpert die Sozialdemokratin ein kosmopolitisches, dynamisches und nachhaltiges Zürich. Sie fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, trägt gerne auch mal ein knallrotes Kostüm und zupft privat den Bass für die Rockband «Trugschluss». Sie wuchs in den USA auf, parliert in sechs Sprachen, ist Kunstliebhaberin und machte aus ihrer Liebe zu einer Frau nie einen Hehl.

Etwas mit Umwelt und Natur

Corine Mauchs Weg in die Limmatstadt führte über die ETH. Zur Welt kam sie in Iowa, weil ihr Vater, ein ETH-Bauingenieur, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) doktorierte. Vier Jahre später zog die Familie nach Oberlunkhofen, damals noch ein 500-Seelen-Bauerndorf im Aargau. Sie war gern dort, spürte einen starken Bezug zur Natur. Als Jugendliche half sie gelegentlich auf einem Hof und erfuhr vom Bauern, dass man Landwirtschaft auch studieren kann. «Ich wusste schon früh, dass ich etwas mit Umwelt und Natur machen wollte», erzählt sie. «Heute würde ich wahrscheinlich Umweltnaturwissenschaften studieren.» Ihr Interesse an Umweltthemen hatte auch politische Gründe. Sie wuchs mit der

Umweltbewegung auf. Die Anti-AKWProteste in den 1970ern, die zwölf autofreien Sonntage, die Albatros-Initiative gegen die verkehrsbedingte Luftverschmutzung – Mauch war an vorderster Front mit dabei und sammelte Unterschriften noch bevor sie selbst abstimmen durfte. Zusätzlich politisiert wurde sie durch die feministische Bewegung. Die Schweizer Frauen hatten ihr Stimmrecht in den meisten Kantonen bereits erkämpft, als Mutter Ursula 1979 als erste Frau für den Kanton Aargau in den Nationalrat einzog – für die SP. 20 Jahre später würde sie stolz darauf sein, dass ihre Tochter mit derselben Partei zur ersten «Stapi» Zürichs gewählt wird. Als Corine Mauch 1980 ihr Studium in Agrarökonomie begann, war sie oft die einzige Frau in den Vorlesungen. Gestört hat sie das nicht, und bis heute schwärmt sie von der Durchmischung der Studierenden: Viele Romands und Tessiner waren dabei; darunter Akademikerkinder wie sie, aber auch Bauernsöhne, die einst den Hof ihrer Eltern übernehmen sollten. Dort, in diesen «wilden Kreisen», wo immer etwas lief, fühlte sich Mauch besonders wohl. Während des obligatorischen Praktikums krampfte sie selbst ein halbes Jahr auf einem Bauernhof im Berner

Oberland. Drei Monate davon auf der Spätenalp, eine Stunde Marsch von Wengen entfernt. Dort gab es Säue, Geissböcke, Pferde, Kühe und Rinder. Gemolken wurde von Hand, gekäst auf offenem Feuer, geschlafen in derselben Kammer wie der Bauer und sein Knecht. Das einfache, archaische Leben gefiel ihr – «für mich war es eine gute Erfahrung zu erkennen, dass ich auch mit einfachen Verhältnissen zurechtkomme». Diese Alperfahrung machte die Studentin gleich auch für ihre Diplomarbeit fruchtbar. Ihr Professor motivierte sie dazu, systemdynamisch zu analysieren, inwiefern das

Waldsterben und die Existenzbedingungen in der Berglandwirtschaft zusammenhängen. Dem Professor war nicht entgangen, dass Mauchs Vater ein Pionier auf dem Gebiet der Systemdynamik war. Am MIT kam er Anfang der 1970er-Jahre in Kontakt mit den Kreisen um Jay Forrester, Donella und Dennis Meadows und liess sich von den bahnbrechenden Modellierungen des Club of Rome und der Studie «Limits to growth» inspirieren. Zurück in der Schweiz, gründete er eine der ersten Agenturen für wissenschaftliche Politikberatung, die bis heute aktive Infras. Damals stellte Corine Mauch die Zusammenhänge verschiedener Einflussfaktoren noch von Hand grafisch dar. Erst Jahre später, als sie am Geographischen Institut der ETH an sozialwissenschaftlichen Fragen zur Nachhaltigkeit forschte, sollte sie auch die computerbasierte Systemdynamik kennenlernen.

 

«Dabei hat Zürich mit der ETH in gesellschaftlicher, bildungspolitischer und städtebaulicher Hinsicht das grosse Los gezogen!» Corine Mauch, Stadtpräsidentin Zürichs

Zweifel an der Sinnhaftigkeit

Nach Studienende, 1986, drehte sich in der Schweizer Agronomie alles um Überschüsse, um Butterberge und Milchseen. «Es schien mir unsinnig, mich mit der Verwaltung solcher Luxusprobleme zu beschäftigen.» Mauch war etwas ratlos. Sie hatte einst einen Einstieg in die Entwicklungszusammenarbeit in Betracht gezogen. Doch auch hier plagten sie Zweifel an der Sinnhaftigkeit. Denn während eines Praktikums hatte sie eineinhalb Monate lang ein Bewässerungsprojekt in Nepal betreut: «Ich fand es seltsam, den Menschen vor Ort als ‹Expertin› zu zeigen, wie sie mit ihrem Land umgehen sollten. » Heute hält sie es wie die Entwicklungsorganisation «Erklärung von Bern», die sie über viele Jahre im Vorstand mitgestaltete: «Es ist wichtiger, weniger zu nehmen, als mehr zu geben», so deren Motto. Und Mauch fügt an: «Wir sollten uns vor allem hier in der Schweiz für gerechtere Handelsbeziehungen einsetzen.» Für ihre Berufswahl besann sich die frischgebackene Agronomin schliesslich wieder auf ihr ursprüngliches Interesse an den komplexen Beziehungen zwischen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Bis zu ihrer Wahl zur Stadtpräsidentin beriet sie Politiker und Bundesstellen in Umweltfragen, stellte als erste Umweltbeauftragte der Stadt Uster ein Abfall- und Recyclingsystem auf die Beine und evaluierte für die Parlamentsdienste betriebliche Innovationen bezüglich Umweltzielen.

Vielfalt an Lebensentwürfen

Obschon auf dem Land aufgewachsen, ist Mauch heute durch und durch Städterin. Vor 33 Jahren zog sie als junge Studentin in ihre erste Zürcher WG. Seither ist sie Zürich treu geblieben und zur grossen Stadtschwärmerin geworden: Das kulturelle Angebot, die Vielfalt an Lebensentwürfen und Menschen; die Dynamik, Dichte, Reibung und der dadurch forcierte Austausch – Mauch liebt die urbane Vielfalt und Offenheit Zürichs. Sie zitiert Hugo Loetscher, der von der Stadt als «der grösstmöglichen Gleichzeitigkeit menschlicher Möglichkeiten» sprach. Und spätestens seit 1999, als Mauch erstmals ins Stadtparlament gewählt wurde, setzt sie sich auch politisch für diese Möglichkeiten ein. «Heute leben in Zürich Menschen aus 170 Nationen friedlich zusammen – ohne Ghettobildung und Parallelgesellschaften. Das ist wertvoll; da investieren wir viel!» Aktuell gerät diese Vielfalt jedoch von rechtspopulistischen Kreisen unter Druck. Dagegen kämpft sie mit Fakten an. Die Zahlen einer aktuellen Studie der Interessengemeinschaft Grosse Kernstädte zeigen: Die Wirtschaftskraft in den zehn grössten Städten der Schweiz ist zwischen 2002 und 2008 um 3,2 Prozent stärker gewachsen, als es ohne Personenfreizügigkeit der Fall gewesen wäre. Und Mauch betont, dass Innovation und Kreativität oft von aussen kommen – nur so konnte Zürich zum Schmelztiegel von Wissenschaft, Kultur und Unternehmertum werden. Dafür spiele auch die ETH seit über 150 Jahren eine entscheidende Rolle, betont die Stadtpräsidentin: «Ihre talentierten Studienabgängerinnen und Studienabgänger gehören heute zu den wichtigsten Gründen, weshalb innovative Firmen wie Google, Disney und IBM sich hier niederlassen.» Als nach Gründung des Bundesstaates Bern mit dem Bundeshaus bedacht wurde, hatte die ETH in Zürich zuerst den Ruf eines Trostpreises, sagt Mauch und schmunzelt: «Dabei hat Zürich mit der ETH in gesellschaftlicher, bildungspolitischer und städtebaulicher Hinsicht das grosse Los gezogen!»

Zur Person Corine Mauch

wurde 1960 in Iowa City (USA) geboren. Vier Jahre später kehrte die Familie in den Aargau zurück. Von 1980 bis 1986 studierte sie Agrarökonomie an der ETH Zürich, danach an der Universität Zürich vier Semester China-Wissenschaften. Von 1989 bis 1993 war Mauch Abfall- und Umweltbeauftragte der Stadt Uster. Danach forschte und lehrte sie bis 2000 bei der Gruppe Humanökologie am Geografischen Institut der ETH Zürich. 1990 trat sie der SP bei. 1999 wurde sie erstmals in den Gemeinderat der Stadt Zürich gewählt, wo sie unter anderem in der Stadtentwicklungs- und Rechnungsprüfungskommission mitwirkte. Am 29. März 2009 gewann sie die Stichwahl für das Stadtpräsidium gegen Kathrin Martelli. 2014 setzte sie sich erneut durch, diesmal gegen Filippo Leutenegger.

 

Die ETH und die Stadt Zürich

Die ETH ist vielseitig mit der Stadt Zürich verbunden. Das energiepolitische Modell «2000-Watt-Gesellschaft» beispielsweise wurde in den 1990er-Jahren an der ETH Zürich entwickelt und 2008 als Ziel in die Zürcher Verfassung aufgenommen. Beide

Institutionen unterstützen die private Initiative «DigitalZurich2025 », die Zürich als Innovationsstandort für digitale Technologien stärken will. Und nicht zuletzt arbeitet die ETH auch im Rahmen des «Masterplan Hochschulgebiet Zürich Zentrum» eng mit der Stadt zusammen.

 
 
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Fri Apr 28 23:49:43 CEST 2017
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