Renzo Simoni: «Die NEAT – ein visionäres Projekt mit Ausstrahlung auf ganz Europa»

19.05.2016 | Alumni Porträts

Von:  Judith Setz

Am 1. Juni 2016, 17 Jahre nach der ersten Sprengung im Hauptstollen des Gotthard-Basistunnels, wird der längste Eisenbahntunnel der Welt offiziell eröffnet. Damit ist eine weitere Etappe im Jahrhundertprojekt NEAT erreicht. Das Jobjournal sprach mit Renzo Simoni, ETH Alumnus und CEO der AlpTransit Gotthard AG über die Herausforderungen und Highlights beim Bau des Gotthard-Basistunnels.

Renzo Simoni, ETH Alumnus und CEO AlpTransit Gotthard AG
Renzo Simoni, ETH Alumnus und CEO AlpTransit Gotthard AG © AlpTransit Gotthard AG

Herr Simoni, Sie sind Chef der AlpTransit Gotthard AG und damit hauptverantwortlicher Stratege und Controller. Was genau ist die Aufgabe der AlpTransit?

Die AlpTransit wurde 1998 speziell für den Bau der NEATGotthard- Achse gegründet, d.h. unser einziges Projekt ist die NEAT. Unsere Hauptaufgabe ist die termin- und kostengerechte sowie qualitativ einwandfreie Erstellung der NEAT. Wir sind eine reine Projektmanagement-Organisation, welche im Auftrag des Bundes arbeitet. Wir führen, kontrollieren und stellen die Qualität sicher, aber wir arbeiten die Projekte nicht selber aus. Im Alltag bedeutet das, dass wir zum Beispiel ein Planungsbüro für eine bestimmte Projektarbeit engagieren oder Ausschreibungen und Werkverträge mit Bauunternehmen ausarbeiten, welche wir anschliessend überwachen und kontrollieren.

Wie oft sind Sie in den Tunnels vor Ort und was genau machen Sie dort? Kennt man Sie unter den Tunnelarbeitern?

Ich bin natürlich mit einem Namensschild angeschrieben und trage einen goldenen Helm (lacht). Scherz beiseite, man kennt mich wahrscheinlich, weil ich nie unangekündigt erscheine und die Arbeiter bereits vorinformiert sind. Zudem bin ich nicht operativ in den Tunnels tätig, sondern bei Gelegenheiten wie Besuchen, Abnahmen, Inspektionen oder speziellen Anlässen vor Ort. Dazu kommt, dass es verschiedene Baustellen sind, die ich besuche. Ich schätze, dass ich pro Jahr zwischen 10 bis 20 Mal in den Tunnels bin, Tendenz natürlich abnehmend. Dieses Jahr war ich zum Beispiel noch nie im Gotthard-Basistunnel.

«Mit der NEAT setzen wir uns aktiv ein für den Schutz des Lebensraums und für eine umweltfreundliche und nachhaltige Mobilität.» Renzo Simoni: ETH Alumnus und CEO AlpTransit Gotthard AG

Sie waren beim Hauptdurchschlag des Gotthard-Basistunnels und dann Anfang Jahr auch beim Ceneri-Tunnel live dabei. Was haben Sie in diesen Momenten empfunden?

Ein solcher Hauptdurchschlag ist immer auch begleitet von einer gewissen Anspannung. Sie müssen sich einen solchen Moment vorstellen wie eine Inszenierung. Im Vorfeld wird ein Drehbuch mit dem genauen Ablauf erstellt, minutiös geplant. Trotzdem kann es sein, dass etwas nicht planmässig abläuft. Beim Lötschbergtunnel zum Beispiel klappte beim ersten Mal die Sprengung nicht – und das vor Live-Kameras. Das Schweizer Fernsehen musste ad hoc ein Überbrückungsprogramm inszenieren. Wenn dann der Durchschlag glückt, fallen jeweils nicht nur die Steine im Tunnel, sondern auch ein bisschen ein Stein von meinem Herzen. Im ersten Moment bin ich dann einfach mal erleichtert, dass es geklappt hat. Die ganze Tragweite des Ereignisses wird mir eigentlich meist erst im Nachhinein bewusst.

Waren die Durchschläge Ihre persönlichen Highlights oder gibt es noch andere?

Sie gehören sicherlich zu den Highlights, aber es gibt noch weitere, die zwar weniger spektakulär sind, aber nicht minder wichtig für den Projekterfolg. Ich denke da zum Beispiel an die Freigabe des Bundes für den Start des Testbetriebes im Gotthard-Basistunnel, welche wir letzten September erhalten haben. Dies mag unspektakulär klingen, gerade im Vergleich mit den Hauptdurchschlägen. Aber für uns war es ein wichtiger Moment und auch ein grosser Erfolg, denn wir konnten das Projekt zeitgerecht wie von Anfang an geplant an diesen Punkt bringen. Ein anderes meiner Highlights war der Besuch des Gesamt-Bundesrates im September 2012. Vom Kanton Uri aus fuhren die Bundesräte mit einem Dieselzug durch den Gotthard- Basistunnel bis zum Fusspunkt in Sedrun, von wo aus sie via eine Arbeitsplattform den Schacht hinauf bis zum Zugangsstollen hochfuhren. Der Besuch des Bundesrates war für uns einerseits natürlich eine grosse Ehre, andererseits war es aber auch sehr eindrücklich zu sehen, wie eine Landesregierung aus dem Tunnel hinausfährt und von der Dorfbevölkerung in Sedrun mit einem kleinen Volksfest begrüsst wird.

«Glückt der Hauptdurchschlag, fallen nicht nur die Steine im Tunnel, sondern auch der Stein von meinem Herzen.» Renzo Simoni: ETH Alumnus und CEO AlpTransit Gotthard AG

Welches waren die grössten Herausforderungen? Gab es Momente, wo Sie an Ihre Grenzen stiessen?

Nein, persönlich bin ich nie an meine Grenzen gestossen. Es gab sicherlich Momente, die schwierig waren, zum Beispiel wenn es einen Unfall oder gar Todesfall auf der Baustelle gab. Generell jedoch ist ein solches Projekt wie die NEAT gut planbar. Natürlich gibt es gerade im Tunnelbau immer auch unvorhersehbare Momente, man weiss zum Beispiel nie direkt, wie sich das Gebirge beim nächsten Abschlag verhalten wird. Aber dies sind alles Vorgänge, auf die man sich einigermassen wappnen und vorbereiten kann. Dazu kommt, dass ich ein Team habe, auf das ich mich verlassen kann, was die tägliche Arbeit sehr erleichtert.

Der Gotthard-Basistunnel ist ja in erster Linie ein politisches Projekt. Braucht es für Ihren Job ein politisches Gespür?

Das ist sicherlich von grossem Vorteil. Wir pflegen einen sehr engen Kontakt zur Politik. Das sind auf der einen Seite die Vertreter der Standortkantone, insbesondere Uri, Graubünden und Tessin. Auf der anderen Seite unterstehen wir einer parlamentarischen Aufsicht, an welche wir periodisch rapportieren. Die parlamentarische Aufsicht wiederum verfasst einen Jahresbericht zuhanden des Gesamtparlaments. Damit sind wir sehr nahe an der Politik und es ist sicherlich hilfreich, wenn man die richtige Sprache und Tonalität findet für die Kommunikation miteinander.

Das Projekt ist auch eines der grössten Umweltschutzprojekte, das die Schweiz je gesehen hat. Was bedeutet eine Umlagerung von der Strasse auf die Schiene für die Alpen, den Alpenschutz und die Schweiz als umweltfreundliche Nation?

Für mich ist die NEAT ein visionäres, wegweisendes Projekt mit einer Ausstrahlung auf ganz Europa. Mit dem Bau der NEAT senden wir ein wichtiges Signal, gerade auch an unsere Nachbarländer entlang des Güterkorridors Rotterdam-Genua: Wir Schweizer reden nicht nur von visionären Ideen, wir setzen diese auch konkret um und engagieren uns somit aktiv für den Schutz des Lebensraums und für eine umweltfreundliche und nachhaltige Mobilität. Dazu kommt, dass wir nun den Beweis erbracht haben, dass eine solche Alpendurchquerung möglich ist, womit unsere Nachbarländer Italien und Deutschland, die mit ihren Anschlussstrecken in Verzug sind, unter Zugzwang kommen. Aus meiner Sicht war es nötig und richtig, dass wir diesen ersten Schritt unternommen und nicht auf die Umsetzung durch Deutschland und Italien gewartet haben.

Werdegang von Renzo Simoni:

• 1985: Diplomierter Bauingenieur ETH
• 1985: Berufseinstieg bei Gruner AG, Basel
• 1989 – 1995: Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich
• 1992 – 1998: Lehrbeauftragter an der ETH Zürich
• 1995 – 2002: Leitung Bauherrenberatung bei Ernst Basler und Partner
• 2002 – 2007: Co-Geschäftsleiter Helbling Beratung & Bauplanung
• Seit 2007: Vorsitzender der Geschäftsleitung der AlpTransit Gotthard AG

 
 
URL der Seite: http://www.alumni.ethz.ch/news-und-medien/news/2016/05/renzo-simoni.html
Thu Mar 23 07:17:00 CET 2017
© 2017 Eidgenössische Technische Hochschule Zürich