Die ETH im Berg

01.06.2016

Von:  Sandro Kanits und Fabienne Lüthi

Der Gotthard-Basistunnel ist ein Bauprojekt von einzigartigem Ausmass und Bedeutung. Anlässlich der offiziellen Einweihung Anfang Juni machte sich das Jobjournal auf die Suche nach der ETH im Gotthard und sprach mit zwei ETH Alumni über ihre Erfahrungen und Tätigkeiten rund um das Jahrhundertbauwerk.

© AlpTransit Gotthard AG
© AlpTransit Gotthard AG

Es ist eines der grössten Bauwerke und Umweltschutzprojekte, das die Schweiz je gesehen hat. Seit dem Ja der Bevölkerung an der Urne 1992 waren rund 2’400 Arbeiterinnen und Arbeiter am Jahrhundertprojekt involviert. Mit mehreren Tunnelbohrmaschinen, die mit 420 Meter so lang sind wie vier aneinandergereihte Fussballfelder, wurde der längste Eisenbahntunnel der Welt gebaut: Ganze 57 Kilometer ist er lang. Zählt man alle Stollen, Verbindungs- und Zugangsschächte sowie beide Tunnelröhren zusammen, ergibt dies ein Tunnelsystem von 152 Kilometern.

Die ETH und der Gotthard

Anfang Juni wird der Gotthard-Basistunnel mit einem grossen Volksfest offiziell eröffnet. In Zukunft werden pro Tag rund 260 Güterzüge und 65 Personenzüge mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit von bis zu 250 km/h durch den Tunnel donnern, wodurch sich die Reisezeit merklich verringert: Bald werden die Zugreisenden von Zürich nach Lugano 45 Minuten einsparen. An einem solchen Grossprojekt sind natürlich viele Akteure involviert – direkt und indirekt auch die ETH. Bereits in den 1940er-Jahren hatte mit Carl Eduard Gruner ein ETH Alumnus die Grundidee für einen Basistunnel durch das Gotthardmassiv. Während der ganzen Projektierung und Entwicklungsphase in den letzten Jahrzehnten waren viele schlaue ETH-Köpfe an der Umsetzung beteiligt. Zwei davon stellen wir in diesem Artikel genauer vor.

Martin Viertel © Pöyry  
Martin Viertel © Pöyry

Martin Viertel:

Vom Vorlesungssaal direkt in den Tunnel

Seit Herbst 2012 arbeitet Martin Viertel beim Gotthardprojekt mit. Der 28-jährige ETH Alumnus stieg direkt nach seinem Abschluss in Maschinenbau und Aerospace Engineering bei der Firma Pöyry Schweiz AG im Bereich Verkehr als Projektingenieur Aerodynamik ein. Das Consulting- und Engineering- Unternehmen ist bereits seit den 1970er-Jahren in verschiedenen Bereichen der Planung und Bauleitung am Gotthard tätig. Als Mitglied der Arbeitsgruppe «Aerodynamik und Klima» kümmert sich Martin Viertel um alles, was in ebendiesen Themenbereich fällt.

Klimaprognosen und Rauchversuche

«Einen Arbeitsalltag gibt es dabei für mich nicht», hält er fest. Das Entwickeln von Rechnungstools im Büro gehört genauso zu seinen Aufgaben wie das Auswerten von Klimamessungen oder das Durchführen von Rauchversuchen vor Ort im Gotthard- Basistunnel – auch in der Nacht. Diese Arbeiten gefallen Martin Viertel besonders, denn er war, wie er mit einem Schmunzeln erklärt, bereits während des Studiums ein sehr experimenteller Typ und verbrachte viel Zeit im Windkanal der ETH. Auch bei der Planung und Validierung der Lüftungsanlagen und Kühlungen im Tunnel – in der Tunnelmitte herrschen Felsursprungstemperaturen von bis zu 40 °C – arbeitete Martin Viertel mit. «Diese Abwechslung ist das, was ich am meisten schätze an meinem Beruf und ihn so spannend  macht», erzählt er begeistert. Hinzu kommt, dass beim Bau dieses einzigartigen Projektes nur wenige Erfahrungswerte bestehen. «Wir haben zum Beispiel eigene Messsysteme aufgebaut, um hochfrequente Druckschwankungen, also Belastungen des Bauwerks, bei Hochgeschwindigkeitsfahrten zu ermitteln. Zudem wurde die Bauleckage an verschiedenen Orten im Tunnel ermittelt. Das erfordert Erfindergeist und Kreativität», erklärt Martin Viertel.

 

«Das Studium an der ETH bringt neben einer guten Arbeitsmoral auch ein breites Grundwissen mit, welches oft und in vielen Situationen anwendbar ist.» Martin Viertel, Ingenieur und ETH Alumnus

Schwarzes Loch als Karrierestart

Vor seinem Engagement bei Pöyry hätte sich der ETH Alumnus aber nie vorstellen können, dass er sich einmal für Tunnels interessieren würde. «Zuerst sieht man nur ein Loch im Berg, durch das man hindurchfährt, aber wenn man selbst daran mitarbeitet, erkennt man die riesigen Dimensionen und merkt, dass viel mehr dahinter steckt!», so Martin Viertel. Deshalb gibt er angehenden Studienabgängern den Tipp, bei der Stellensuche auch Inserate anzuschauen, welche einem auf den ersten Blick vielleicht nicht interessieren oder bei denen man sich durch den Stellenbeschrieb etwas überfordert fühlt. «Versucht es trotzdem und bewerbt euch! Es kann auch ganz anders sein. Zudem bringt das Studium an der ETH neben einer guten Arbeitsmoral auch ein breites Grundwissen mit, welches oft und in vielen Situationen anwendbar ist», betont Martin Viertel. Er selbst möchte auch nach Abschluss des Gotthardprojektes weiterhin in der Tunnelbranche tätig sein: «Mir gefällt mein Job sehr, und ich möchte in diesem Feld weiterarbeiten. Wir sind bereits mit anderen Projekten wie dem Ceneri- oder Brenner-Basistunnel beschäftigt, sowie auch an der Sanierung von diversen Strassentunnels. Arbeit ist genug da!»

Olivier Böckli:

«Nach dem Tunnel ist vor dem Tunnel!»

Genug Arbeit hat auch Olivier Böckli. Der ETH Alumnus ist seit 2004 in verschiedenen Positionen für Implenia am Gotthard- Basistunnel involviert. Begonnen hat er als Baustellenchef in Bodio. Dort arbeiteten über 600 Personen während 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche. «Ein so grosses Team auf ein gemeinsames Ziel hin zu führen war eine riesige Herausforderung und damit auch sehr speziell», erinnert sich Böckli zurück. Die direkte Führung und «s’Schaffe mit de Lüüt» ist das, was ihm an dieser Tätigkeit besonders gefiel. Heute, zwölf Jahre später, hat Böckli die Führung von Global Projects bei Implenia inne. Die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt er deshalb mit Reisen auf der ganzen Welt. Denn auch im Ausland werden Tunnels gebraucht.

«Wer flexibel ist, dem steht die Welt offen!» Oliver Böckli, Bauingenieur und ETH Alumnus
Oliver Böckli © Implenia  
Oliver Böckli © Implenia

Faszination für Tunnelbau schon während dem Studium

Das Interesse für den Tunnelbau entdeckte der diplomierte Bauingenieur bereits früh: «Während dem Studium an der ETH unternahmen wir Exkursionen und besuchten grosse Tunnelbaustellen. Das hat mich fasziniert.» Dementsprechendsetzte er auch die Schwerpunkte im Studium. Die ETH wurde dadurch zu einer guten Vorbereitung auf den späteren Beruf. «Der Tunnelbau ist im Rahmen des Infrastrukturbaus einer der komplexesten Bauingenieurjobs. Alles wird noch selbst konzipiert. Zum Teil muss man Maschinen, die für spezielle Aufgaben benötigt werden, erst noch konstruieren. Es ist eine sehr vielschichtige, aber auch eine sehr komplette Form von Ingenieurwesen », beschreibt Olivier Böckli seine Sichtweise auf den Beruf. Dazu kommen die besonderen geologischen Bedingungen am Gotthard: «Wegen der hohen Felsüberdeckung ergaben sich Konsequenzen wie steigende  Temperaturen, Verformungen, Bergschläge und Wasserdruck. Aber auch die immer länger werdenden Transportwege und somit die Logistik stellten eine besondere Herausforderung dar», erklärt der Bauingenieur. Speziell am Tunnelbau ist auch die Projekthaftigkeit, wo erst die ausgewogene Beherrschung der Erfolgsfaktoren Organisation, Methoden und Menschen eine ziel- und erfolgsorientierte Abwicklung ermöglicht. Ein Projekt ist gekennzeichnet durch Anfang und Schluss. Was also macht Olivier Böckli, wenn der Basistunnel fertig gebaut ist? «Noch mehr Tunnel bauen. Nach dem Tunnel ist vor dem Tunnel!», lacht er.

Flexibilität ist gefragt

Dass er am Gotthard-Basistunnel mitarbeiten konnte, erfüllt ihn mit Stolz. Die Frage, ob er seinen Enkeln davon erzählen werde, beantwortet er ganz klar mit Ja: «Bei einem solchen Projekt mitarbeiten zu dürfen, ist etwas ganz Spezielles. Besonders hervorzuheben ist, dass es sich dabei immer um eine Teamleistung handelt! Und auf diese bin ich sehr stolz.» Mit der Grösse des Bauwerks kommt aber auch eine immense Verantwortung: «Der Druck ist gross. Schliesslich handelt es sich um den längsten Eisenbahntunnel der Welt. Man muss immer erreichbar sein. Eine solch grosse Baustelle hat auch Auswirkungen auf das Familienleben.» Hierfür ist Anpassungsfähigkeit nötig. Dazu rät er auch Studienabgängern: «Wer offen ist, der kommt weiter. Wer Bereitschaft zur Mobilität mitbringt, kann an genauso interessanten Projekten wie dem Gotthard-Basistunnel mitarbeiten. Das gilt nicht nur im geografischen Sinne, sondern auch für die Sprache. Aber auch im Geiste sollte man sich auf unbekannte Situationen einstellen können und offen für Neues sein. Wer flexibel ist, dem steht die Welt offen!»

Gottharddurchstich am 15. Oktober 2010 © Implenia
Gottharddurchstich am 15. Oktober 2010 © Implenia

Zehn Fakten zum Gotthard-Basistunnel

• Längster Eisenbahntunnel der Welt (57 km)
• Tiefster Eisenbahntunnel der Welt (mit Felsüberlagerung bis zu 2’300 Meter)
• Praktisch keine Steigungen, höchster Punkt des Tunnels auf          550 m ü. M.
• 28.2 Millionen Tonnen Ausbruchmaterial, das rezykliert wurde
• Bauzeit ohne Sondierungsarbeiten: 17 Jahre
• 152 Kilometer Tunnelsystem mit 290 Kilometer Schienen und 380’000 Schwellenblöcken
• Maximalgeschwindigkeiten von bis zu 250 km/h
• Dauer einer Tunnelfahrt: ca. 20 Minuten
• Gesamtkosten für den Gotthard-Basistunnel: 12.2 Milliarden Franken
• Inbetriebnahme: Fahrplanwechsel 11. Dezember 2016

 
 
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Fri Apr 28 23:52:39 CEST 2017
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