Herbert Einstein: „Ich kann Schweizer Studenten ein Studium im Ausland nur wärmstens empfehlen“

05.08.2016 | Alumni Porträts

Von:  Judith Setz

Mit dem Doktortitel in der Tasche machte sich ETH Alumnus Herbert Einstein Mitte der 1960er Jahre auf in die USA, um am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein Studium in Baumanagement zu absolvieren. Geplant war ein Aufenthalt von zwei Jahren mit Rückkehr in die Schweiz. Doch es kam anders: Heute ist Herbert Einstein Professor of Civil and Environmental Engineering am MIT. Anlässlich einer von ihm geführten MIT Alumni-Reise besuchte er seine Alma Mater.

Prof. Herbert Einstein
Prof. Herbert Einstein

Prof. Einstein, am 13. Juni waren Sie zu Besuch an der ETH. Wie war es, wieder zurück an Ihrer Alma Mater zu sein.

Ich bin eigentlich regelmässig, d.h. meist einmal pro Jahr, an der ETH, da ich intensive Kontakte zu Forschenden hier pflege. Dieser Besuch war allerdings speziell, da er im Rahmen einer von mir mitorganisierten Reise für MIT Alumni zustande kam. Wir erhielten die Möglichkeit, das „Laboratory for Solid State Physics“  von Prof. Degen auf dem Hönggerberg zu besichtigen, was auch für mich äusserst spannend war, da es mit einem anderen Forschungsgebiet zu tun hat. Und für meine MIT Alumni war es eine einmalige Möglichkeit, eine weitere technische Top-Hochschule zu besuchen und so einen Eindruck von der ETH zu erhalten.

1960 machten Sie Ihren Abschluss als Dipl. Bauing. und erhielten 1966 Ihren Dr.sc.tech. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Es war eine anregende Zeit, welche ich in sehr gutem Andenken habe. Nach meinem Diplom konnte ich zuerst als Ingenieur und dann als Doktorand an der Versuchsanstalt für Wasser und Erdbau, dem heutigen Institute for Geotechnical Engineering (IGT), arbeiten. Das Gebäude mit dem Wasser- und Erdlabor stand damals noch an der Gloriastrasse. Dort erhielt ich die Möglichkeit, neben der Forschung auch intensiv praktisch tätig zu sein. Heute, mit den Diplomstudiengängen Bachelor und Master, ist eine solche Kombination leider fast nicht mehr möglich.

Heute sind Sie Professor of Civil and Environmental Engineering am MIT. Wie kamen Sie von der ETH zum MIT?

Nach dem Abschluss meiner Doktorarbeit wollte ich mich im Baumanagement spezialisieren, ein Gebiet, das damals in den 1960er Jahren an der ETH nicht angeboten wurde. Das MIT verfügte jedoch über ein entsprechendes Programm, worauf ich mich dort bewarb. Gleichzeitig bewarb ich mich auch an der Harvard Business School und wurde von beiden Universitäten angenommen. Ich entschied mich schliesslich jedoch für das MIT. Ich absolvierte Kurse und arbeitete zeitgleich in der Forschung. Auf diese Weise kam ich in mein heutiges Forschungsgebiet rein, die Felsmechanik und der Tunnelbau. Eigentlich wollte ich nur zwei Jahre bleiben, mich ins Baumanagement vertiefen und dann in die Schweiz zurückkehren. Aber es ist anders gekommen.

Wie Sie gerade erwähnt haben, ist Ihr Spezialgebiet die Felsbaumechanik und der Tunnelbau. Anfang Juni wurde in der Schweiz mit dem Gotthard-Basistunnel der längste Eisenbahntunnel der Welt eröffnet. Haben Sie das Projekt verfolgt?

Oh ja. Wir waren nämlich auch daran beteiligt. Mit meinen Studenten am MIT, und in Zusammenarbeit mit der EPFL, haben wir im Rahmen einer Vorstudie ein Programm entwickelt, mit welchem Kosten- und Zeitschätzungen gemacht werden können. Dies war wichtig, da es bei einem solchen Bau Unsicherheiten aufgrund der Geologie, aber auch beim Bau selber, geben kann. Das Werkzeug wurde ursprünglich in den 1970er Jahren am MIT entworfen und wir haben es im Auftrag des Bundesamtes für Verkehr (BAV) weiterentwickelt. Mit dem Bau selber hatte ich dann allerdings nichts mehr zu tun. Trotzdem habe ich das Projekt aus der Ferne beobachtet und bin sogar einige Male im Tunnel gewesen. Dies vor allem, da ein Tunnel für mich hauptsächlich interessant ist, solange er im Bau ist. Ist er fertig, verliert er seinen Reiz.

"Meiner Meinung nach kommen viel zu wenig Schweizer Studenten in die USA." Prof. Herbert Einstein

Sie sind in verschiedenste Projekte, vom Tiefbau über Felsbaumechanik bis hin zu Naturrisiken wie Erdrutsche und bei Problemen bei radioaktiven Endlagern als Berater und Forscher beteiligt. Viele davon haben Sie in der Schweiz gemacht. Bei welchen Projekten waren Sie involviert?

Neben dem Gotthard-Basistunnel waren auch der Lötschberg- und später der Ceneri-Tunnel Teil der oben erwähnten Arbeiten. Punktuell wurden wir auch beim Bau selber hinzugezogen, wenn kritischen Situationen aufkamen wie zum Beispiel die Traversierung der Piora-Mulde. Hierbei handelt es sich um geologisch sehr anspruchsvolle Bedingungen, mit bröckligem Gestein unter hohem Wasserdruck. Wir wurden mit einer Untersuchung beauftragt, um herauszufinden, welchen Einfluss die Mulde auf Bauzeit und Kosten haben würde. Weiter sind wir auch hin und wieder für die Nagra, das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI und Swisstopo tätig für Untersuchungen in Zusammenhang mit der Einlagerung radioaktiver Abfälle.

Sie sind Mitglied beim ETH Alumni Chapter New England und haben nun eine Reise für MIT Alumni veranstaltet. Wie kam es dazu?

Bereits vor zwei Jahren wurde ich für die Führung einer MIT Alumni-Reise angefragt. Damals organisierten wir eine Reise nach Panama, um die Kanalerweiterung zu besichtigen. Als ich erneut angefragt wurde, dieses Mal mit Ziel Schweiz, war ich sofort wieder mit dabei. Allerdings nur unter der Bedingung, dass es keine typische „Milch, Schokolade, etc.“-Reise werden würde. Ich wollte den Teilnehmern die Landschaft, die Technik und die Kunst der Schweiz näher bringen. Entsprechend angelegt war die Reise: Wir besuchten neben der ETH auch die EMPA, reisten ins Bündnerland, besichtigten Museen wie das Segantini-Museum und das Giacometti-Haus, erhielten einen Einblick in den sich im Bau befindenden Albula-Tunnel und fuhren mit dem Schiff auf dem Vierwaldstätter-See. Auch die schöne Berner Altstadt und das Klee-Museum durften natürlich nicht fehlen.

Was würden Sie Schweizer Studenten raten, die gerne in den USA studieren würden?

Meiner Meinung nach kommen viel zu wenig Schweizer Studenten in die USA. Zu meiner Zeit waren wir ca. 30 Schweizer, die am MIT anfingen. Eine Ursache könnte sicherlich am Bewerbungsprozess liegen, von dem sich viele abschrecken lassen. Hier muss ich aber ganz klar sagen: ETH-Studenten, die sich in den oberen zehn Prozent der Studenten bewegen, werden kein Problem haben, am MIT aufgenommen zu werden. Zugegebenermassen ist es – aufgrund von Quotenregelungen – schwierig, einen Platz für ein Undergraduate-Studium zu erhalten. Aber nach einem Bachelor oder Master sollte es für Top-Studenten kein Problem sein. Einen Auslandaufenthalt kann ich nur empfehlen, nicht nur für den Lebenslauf, sondern allgemein als Horizonterweiterung.

 
 
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29.04.2017
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