Martin Bosshardt: "Wir differenzieren uns im Markt nicht über Technologie, sondern über unsere Mitarbeitenden."

10.08.2016 | Alumni Porträts

Von:  360° Magazin, Open Systems AG

Unternehmer Martin Bosshardt wehrt sich gegen das Vorurteil, dass man als ETH-Absolvent beruflich in einem dunklen Forschungslabor endet. Mit seinen Kollegen fokussiert er sich auf die Frage, wie global tätige Organisationen Sicherheitstechnologie effizienter, automatisierter und skalierbarer einsetzen können. Dafür ist die ETH von zentraler Bedeutung: Sie bildet die Ingenieurinnen und Ingenieure aus, die Bosshardt für die Service- Qualität und das zukünftige Wachstum seines Unternehmens braucht

Open Systems CEO Martin Bosshardt
Open Systems CEO Martin Bosshardt

Herr Bosshardt, wann haben Sie den Entscheid gefällt, Ingenieur zu werden?

Das wusste ich eigentlich schon während meiner Zeit auf dem Gymnasium. Obwohl ich mich nicht als typischen Bastler beschreiben würde, experimentierte ich bereits damals leidenschaftlich gerne mit Elektronikbaukästen, baute Alarmanlagen zusammen und zerlegte Radios.

Gab es für Sie einen Schlüsselmoment?

Ich denke das war der Tag, an dem unser Nachbar mit einer Bananenschachtel vor der Türe stand. In der Schachtel lag − fein säuberlich in Einzelteile zerlegt − ein Mofa. Dass ich das Gefährt eines Tages wirklich fahren würde, schien meinen Eltern bei der Betrachtung des Durcheinanders in der Kiste eher unwahrscheinlich. Trotzdem beharrten sie zur Sicherheit darauf, dass ich im Falle eines Erfolges ultimative Helmtragepflicht hätte.

Und wie ging die Geschichte aus?

Etwa eine Woche später kaufte mir meine Mutter einen Helm, den ich dann auf meiner Siegesrunde durch’s Dorf auch tatsächlich trug.

Sie haben nach der Matura an der ETH Elektrotechnik studiert. Wie sind Sie damals auf die ETH aufmerksam geworden?

Die ETH war natürlich schon damals die erste Adresse für eine Ausbildung zum Ingenieur. Mein Vater hat ebenfalls an der ETH studiert und der Zufall wollte es, dass Professor Georg Epprecht, Professor für Elektrotechnik an der ETH Zürich, unser Nachbar war. Er beobachtete mich eines Tages, wie ich einen Radio auseinandernahm. Er meinte, wenn ich lernen wolle, wie man den wieder zusammenbaut, solle ich Elektrotechnik studieren. Und das habe ich dann auch gemacht.

Wie haben Sie das Studium an der ETH erlebt?

Ich habe die Zeit an der ETH sehr genossen. Es gab unglaublich viel Tolles zu sehen, zu tun und zu lernen. Ich war voller Leidenschaft für die Materie, engagierte mich intensiv an der Entwicklung eines Elektromobils und verbrachte natürlich so viel Zeit wie möglich an den Computern der ETH. Sie ermöglichten mir den Zugang zu einer neuen Welt − der Welt der globalen Netzwerke. Das Beste an der ETH waren aber aus meiner Sicht die vielen gleichgesinnten Menschen, die alle richtig gut Bescheid wussten. Zwei davon haben mein Leben besonders stark geprägt.

Das klingt aber spannend. Wer waren diese zwei Menschen?

An erster Stelle kommt natürlich meine Frau Daniela, die damals an der ETH Pharmazie studierte. Wir haben 2004 geheiratet und sind heute glückliche Eltern von zwei Söhnen − Lino und Jon. Die andere Person, die mein Leben stark und sehr positiv beeinflusst hat, ist Florian Gutzwiller.

Mit dem Sie heute gemeinsam die Open Systems AG führen …

Richtig, Florian Gutzwiller, der Gründer der Open Systems AG, ist heute als aktiver Verwaltungsratspräsident stark in die Entwicklung und die globale Expansion unseres Unternehmens involviert. Bevor er 1990 das Unternehmen gründete, war er für den Betrieb der wichtigsten Kommunikationsrechner der ETH verantwortlich. Er war es, der mir damals meinen ersten Account auf dem Bernina-Grossrechner eröffnete, der damals mächtigsten Kommunikationsmaschine der ETH. Man kann also sagen, dass er es war, der mir den Zugriff auf die globalen Netzwerke, die später einmal das World Wide Web sein sollten, ermöglichte.

"Dank Ingenieurswissenschaften ist es möglich, komplexe Maschinen zu bauen, die das Verständnis eines einzelnen Menschen bei Weitem übersteigen." Martin Bosshardt, Elektroingenieur

Sie haben während des Studiums für einige Monate als Praktikant in Japan gearbeitet. Wie kam es dazu und was genau haben Sie dort gemacht?

Die ETH verfügt über ein hervorragendes internationales Netzwerk und ermöglicht es den Studierenden und Doktoranden, sehr direkt davon zu profitieren. Das Angebot wollte ich nutzen und unbedingt Auslanderfahrung  sammeln. Über ein Studentenaustausch-Programm bekam ich ein Praktikum bei einem japanischen Technologieunternehmen in Tokyo. Während dieses Praktikums hatte ich über die ETH auch Kontakt zur University of Tokyo, wo ich nach Abschluss meines Industrie- Praktikums die Gelegenheit bekam, am Institut für Nanorobotik das Abschlusssemester und meine Diplomarbeit zu bestreiten.

Um was ging es in Ihrer Arbeit genau?

Wir erhielten den Auftrag, ein Rastertunnelmikroskop zu bauen, um eine Nadel mit der Präzision eines Kohlenstoffgitters auf ein Atom genau zu positionieren. Das Thema konnte aktueller nicht sein, denn genau in diesem Jahr − 1986 − erhielten der deutsche Gerd Binnig und der Schweizer Heinrich Rohrer den Nobelpreis für Physik für die Erfindung des Rastertunnelmikroskops , mit  dem sie Atome mittels Tunnelstrom sichtbar machten. Nach fünf Monaten intensiver Arbeit konnten wir das Projekt erfolgreich abschliessen. Es war ein gewaltiges Erlebnis. Ich kam mir vor, wie wenn ich bei der Erschaffung der Erde mit dabei gewesen wäre.

Inwieweit spielte die ETH für diese Arbeit eine Rolle?

Natürlich hielten wir stetigen Kontakt zur ETH, einerseits auf der organisatorischen Ebene und andererseits interessanterweise auch auf der technischen Ebene. Da wir in Japan keine geeignete Visualisierungs-Software zur Verfügung hatten, nutzten wir jeweils über Nacht einen Grossrechner an der ETH, um aus den erarbeiteten Daten das Bild in Zürich zu rechnen und in Tokyo auszudrucken. Das war im Nachhinein betrachtet eine ganz erstaunliche Leistung unseres Projektes. Sie dürfen nicht vergessen, dass damals das Internet nur gerade einmal 1000 Maschinen vernetzte.

Wie ging es nach Ihrem Abschluss beruflich weiter?

Zurück in der Schweiz bewarb ich mich beim Technologiekonzern ABB. Im ersten Gespräch fragte mich mein damaliger Chef, wie viel Zeit ich brauchen würde, um zu packen, wenn die ABB mich in einem anderen Land  brauchen würde. Ein paar Wochen später arbeitete ich in Malaysia als Inbetriebnahme- Ingenieur auf einer Grossbaustelle für ein Kombi-Kraftwerk.

Das klingt, als ob Sie früh ins kalte Wasser gesprungen seien …

Ich hatte das Glück, bei ABB früh Verantwortung übernehmen zu dürfen. Nach Malaysia ging es weiter nach Indonesien, wo ich bei einem vergleichbar grossen Projekt die Alleinverantwortung für die Inbetriebnahme der Leitsysteme trug. Wir hatten 12 Monate Zeit, die Maschine ans Netz zu bringen. Jeder Tag Verspätung hätte eine Pönale von 500 000 Franken ausgelöst. Zeitweise arbeiteten über 3000 Leute auf dem Gelände. Das Kraftwerk wurde rechtzeitig fertig. Es erzeugt heute Strom für rund 10 Millionen Menschen. Diese Projekte bewiesen mir deutlich, dass es dank Ingenieurswissenschaften möglich ist, komplexe Maschinen zu bauen, die das Verständnis eines einzelnen Menschen bei Weitem übersteigen. Kein Mensch allein versteht ein Kraftwerk von A bis Z bis in jedes Detail. Man muss das gesamte System in beherrschbare Teilsysteme zerlegen, um es dann in spezialisierten Teams zu errichten und in Betrieb zu nehmen.

Dann folgte ein Abstecher ins Consulting …

Ja, das war ein sehr wichtiger Schritt für mich, denn ich tauchte intensiv in die Rolle des Dienstleisters ein. Wirtschaftlich war diese Zeit stark geprägt durch die Dotcom-Krise, die sowohl unser Unternehmen als auch unsere damaligen Kunden stark traf. Eine spannendere und lehrreichere Zeit, als im Management eines Service-Providers zu wirken, hätte es für mich kaum geben können.

Trotzdem dann 2002 der Wechsel zu Open Systems …

Open Systems hat mich von Anfang an fasziniert. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Sie sind CEO und Aktionär der Open Systems AG. Was heisst es für Sie, unternehmerisch tätig zu sein?

Unternehmer zu sein heisst für mich, die Ziele der Kunden, die Ziele der Mitarbeitenden und die Ziele der Aktionäre in Einklang zu bringen. Nur so kann ein Unternehmen nachhaltig wachsen und sich langfristig im Markt etablieren. Ich habe grossen Spass daran, dieses Wachstum zu begleiten, und bin stolz, wenn ich daran denke, dass heute mehr als 130 Personen hier arbeiten. Als ich bei Open Systems anfing, waren wir gerade einmal 17 Mitarbeiter.

"Open Systems hilft mit, dass die ETH auch in der Zukunft zu den Top Universitäten der Welt gehört."
Martin Bosshardt, CEO Open Systems

Sie haben das starke Wachstum Ihres Unternehmens angesprochen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Informationstechnik ist dafür prädestiniert, automatisiert zu werden. Wir versuchen daher unsere Mitarbeitenden nicht als Teil der Maschine zu sehen, sondern als Ingenieure, die eine Maschine entwickeln und bauen und so die Möglichkeit haben, den Grad der sinnvollen Automatisierung stetig voranzutreiben. Ich bin überzeugt, dass wir einfachere, repetitive Arbeiten nicht in günstigere Regionen verlagern sollten. Wir delegieren diese, oftmals auch langweilige Arbeiten, an den Computer. Das geht in der IT besser als in jeder anderen Branche. In unserem Geschäft gibt es keine physikalischen oder geographischen Grenzen und unser Logistikaufwand ist minimal. Automation macht uns konkurrenzfähig und unsere Arbeit spannender. Zudem erreichen wir dadurch eine höhere Qualität, denn die Services werden sicherer, stabiler und auch skalierbarer.

Einen hohen Automatisierungsgrad zu erreichen ist eine spannende, aber auch sehr anspruchsvolle Arbeit. Dafür brauchen wir die besten und kreativsten Ingenieure, die wir kriegen können.

Dann ist für Sie Ihre Technologie also nicht das auschlaggebende Alleinstellungsmerkmal?

Wir differenzieren uns im Markt nicht über Technologie, sondern über unsere Mitarbeiter und die Art und Weise, wie wir Technologie einsetzen. Unsere Mitarbeiter fokussieren sich in ihrer täglichen Arbeit auf die Frage, wie wir Sicherheitstechnologie effizienter, automatisierter und skalierbarer einsetze können. Dadurch definieren sie auch die Art und Weise, wie wir bei Open Systems arbeiten, kontinuierlich neu. Die Rekrutierung sowie die Aus- und Weiterbildung des Teams sind deshalb von zentraler Bedeutung. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben eine ETH-Ausbildung. Selbstverständlich rekrutieren wir heute auch an vielen anderen ausgezeichneten Ausbildungsstätten. Die ETH bleibt für uns aber ein sehr wichtiger Talent-Pool. Ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass ein Unternehmen nur so gut ist wie seine Kunden. Wir haben das Privileg, dass wir für renommierte Organisationen arbeiten dürfen, die global sehr erfolgreich sind. Besonders interessant ist der Kunden- Mix: Neben Konzernen aus allen Branchen sind wir im Bereich der NGOs stark verankert. Die motivierende Wirkung auf die Mitarbeitenden, renommierten NGOs zur Seite zu stehen, darf man nicht unterschätzen.

Im Jahr 2011 wurde Ihnen der Unternehmerpreis für die Wirtschaftsregion Zürich verliehen …

Ich habe den Preis stellvertretend für die Geschäftsleitung und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Open Systems entgegengenommen. Ich war natürlich wahnsinnig stolz und bin es heute noch. Besonders schön war für mich die Tatsache, dass bei der feierlichen Preisübergabe viele meiner Kolleginnen und Kollegen anwesend waren.

Sie engagieren sich stark dafür, das Thema IT-Sicherheit in der Führungsetage zu etablieren. Ist das ein persönliches Anliegen oder einfach nur geschicktes Marketing?

Wahrscheinlich ein bisschen von beidem. Auf jeden Fall erstaunt es mich schon, dass viele Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen das Thema IT nach wie vor an ihr IT-Departement delegieren. Die wichtigste − weil disruptivste – Entwicklung in einem Unternehmen bringt die IT. Die ist für alle Game-Changer, egal in welcher Branche sie sich bewegen. Sei es Retail, Tourismus, Airlines, Banken oder Versicherungen. Selbst die Taxi-Branche wird durch die IT neu definiert. Wir alle wissen das. Und doch scheint mir der «Kodak-Effekt» nach wie vor enorm verbreitet. Für mich ist das eine der grössten Gefahren für ein Unternehmen. Die Verantwortung liegt aus meiner Sicht bei den Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten. Sie müssen sich mit den Möglichkeiten, aber auch mit den Risiken der Informationstechnologie befassen.

Die ETH Zürich fördert hervorragende Studierende, die ein Masterstudium an der ETH absolvieren möchten, mit dem Excellence Scholarship & Opportunity Programme (ESOP). Die Open Systems unterstützt dieses Programm. Weshalb?

Weil die ETH enorm wichtig ist. Sowohl für die Open Systems als auch für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Den besten jungen Talenten eine Chance zu geben, an einer der besten Hochschulen auf der Welt zu studieren, ist eine sehr unterstützungswürdige und wichtige Sache − für diese Studenten, aber auch für die Hochschule. Uns geht es darum, nicht nur von der ETH zu profitieren, sondern auch etwas zurückzugeben. Deshalb bieten wir auch Praktika an oder begleiten Studierende in ihrer Master-Arbeit. Open Systems hilft mit, dass die ETH auch in der Zukunft zu den Top Universitäten der Welt gehört. Insofern ist das kein Engagement, sondern fast schon eine Verpflichtung.

Wie werden Sie Ihren Söhnen das Ingenieurstudium schmackhaft machen, wenn sie einmal vor der Studienwahl stehen?

Ich sehe das Ingenieurstudium als ein möglicher Weg, der tausend weitere Wege öffnet. Insofern halte ich diese Ausbildung für eine grossartige Option − auch für diejenigen, die vielleicht noch nicht genau wissen, womit sie sich später einmal beruflich befassen oder in welcher Funktion sie arbeiten wollen.

Ich werde aber auch versuchen, gewisse Vorurteile, die nach wie vor existieren, aus dem Weg zu räumen. Etwa dass ein Ingenieurstudium ungeheuer schwer ist. Oder dass man als Ingenieur später beruflich im dunkelsten Keller eines unwegsamen Labors endet. Das Gegenteil ist wahr: Es gibt kaum ein Studium mit so vielen tollen und praxisbezogenen Übungen und technischen «Spielzeugen» im Lehrgang. Zudem ist der Konkurrenzkampf unter Medizinern oder Juristen mindestens so hart, wenn nicht noch viel härter – auch später im Beruf.

Ingenieure werden dazu ausgebildet, komplexe Systeme in beherrschbare Teile zu zerlegen, um so praktisch beliebig grosse Mechanismen zum Laufen zu bringen. Als Ingenieur lernt man auf eine ganz spezifische Art zu denken, die Welt zu betrachten. Dieses Wissen funktioniert später auf der ganzen Welt, unabhängig von Zulassungen oder Gesetzen. Diese Denkschule halte ich für eine der besten Grundlagen für einen Unternehmer oder eine Führungskraft. Unternehmen sind letztlich komplexe Systeme. Und das Potenzial und die Chancen für Ingenieure werden sich in Zukunft zusätzlich akzentuieren: Denken Sie nur daran, wie viele etablierte Märkte momentan durch neue Technologien revolutionier werden und wie viele neue Opportunitäten sich aufgrund von innovativen Technologien ergeben. Mit einer Ausbildung zum Ingenieur − und davon bin ich zutiefst überzeugt − ist man für diese Zukunft optimal gewappnet.

Über Martin Bosshardt

Martin Bosshardt studierte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH in Zürich und an der Todai Universität in Tokyo und besitzt einen Abschluss als Elektroingenieur ETH. Nach seinem Studium arbeitete Martin Bosshardt als Engineer für die ABB in der Schweiz und im Ausland. 1998 übernahm er bei Futurecom Interactive, einem Beratungsunternehmen der global tätigen Young & Rubicam Group, als Mitglied der Geschäftsleitung die Verantwortung für die Beratung. Seit 2002 ist Martin Bosshardt CEO, Mitglied des Verwaltungsrates und Aktionär der Open Systems AG, einem unabhängigen Schweizer Anbieter von Enterprise Security. 2011 wurde Martin Bosshardt vom Swiss Venture Club der Unternehmerpreis für die Wirtschaftsregion Zürich verliehen. Seit 2013 ist er Mitglied des Beirats der PwC Schweiz.

 
 
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