Sabina Ann Balmer: «Anstelle von Geld und Material vermitteln wir Know-how und schaffen so eine nachhaltige Lösung»

18.08.2016 | Alumni Porträts

Von:  Stefan Züger

ETH Alumna Sabina Ann Balmer absolvierte einen MAS on Developing Countries an der ETH. Trotzdem verschlug es sie in die Privatwirtschaft. Nach dreizehn Jahren bei der Credit Suisse gründete sie 2009 ihre Nonprofitorganisation B360 education parternships. Heute vermittelt sie Praktikumsplätze für Studenten aus dem südlichen Afrika bei Schweizer Firmen. Mit einem Schweizer Arbeitszeugnis im Sack erhalten diese bei der Rückkehr den bestmöglichen Start ins Berufsleben.

Sabina Ann Balmer
Sabina Ann Balmer

Frau Balmer, nach Ihrem Geschichtsstudium entschieden Sie sich für einen Master of Advanced Studies on Developing Countries an der ETH. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Ich studierte ursprünglich Geschichte, Betriebswissenschaft und Internationales Recht. Während meinem Studium reiste ich nach Namibia, welches sich 1989 mitten im Übergang zur Unabhängigkeit befand. Mich interessierte die politische Situation und so entschloss ich mich, mein Lizenziat, welches ich an der ETH am heutigen CSS schrieb, über die Unabhängigkeit von Namibia aus US-sicherheitspolitischer Sicht zu machen. Nach meinem Studium arbeitete ich als Lehrerin in Namibia und wurde so mit der Thematik der internationalen Zusammenarbeit vertraut. Ich wollte mich weiter in diesem Thema vertiefen und so entschied ich mich schliesslich für den Master of Advanced Studies on Developing Countries an der ETH.

Wie erlebten Sie Ihre Zeit an der ETH?

Ich habe sehr positive Erinnerungen an mein Nachdiplomstudium. Ich lernte Menschen aus den unterschiedlichsten Studienrichtungen kennen. Mit dabei waren Biologen, Ökonomen und Juristen, was das Ganze sehr spannend machte. Prägend war auch das obligatorische Praktikum. Für das DEZA konnte ich im Rahmen eines Infrastruktur-Projekts nach Burkina Faso reisen. Ich entwickelte und implementierte ein Verwaltungssystem für einen Markt und machte zusätzlich eine Steuerstudie. Dadurch erhielt ich einen ganz neuen Einblick in die internationale Zusammenarbeit. Das prägte mein Denken in diesem Bereich nachhaltig.

Nach dem MAS mit dem Fokus Studies on Developing Countries stiegen Sie bei der Credit Suisse ein. Nach einem solchen Studium liegt der Gang zu einer Grossbank nicht gerade auf der Hand. Wieso entschieden Sie sich für diesen Karriereschritt?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Karriereplanung nicht gradlinig verläuft und dass man offen sein muss für alles, was kommt. Nach meiner Rückkehr aus Burkina Faso war ich etwas desillusioniert, denn die klassische Entwicklungszusammenarbeit der 1990er Jahre hatte viele Elemente, die mir nicht entsprachen und die ich anzweifelte. Dazu kamen private Gründe, die mich dazu bewegten, in der Schweiz zu bleiben. Ich entschloss mich, eine Stelle in der Privatwirtschaft zu suchen, damit ich lernen konnte, wie ein Unternehmen effizient und „for profit“ geführt werden muss. Bis ich eine Festanstellung erhielt, jobbte ich temporär und landete zufällig bei der Credit Suisse. Ich arbeitete fünf Monate lang als Temporär Angestellte und erhielt danach ein sehr gutes Stellenangebot, welches ich annahm.

Und bei der Credit Suisse blieben Sie dann länger als erwartet…

Genau, insgesamt dreizehn Jahre. Ich erhielt die Möglichkeit, Karriere zu machen, arbeitete in New York und war am Schluss COO der Asset Management Division. Trotzdem wusste ich immer, dass ich irgendwann wieder einen Schwenker zurück in die internationale Zusammenarbeit machen würde. Mein Mann und ich reisten daher immer wieder zurück ins südliche Afrika. So konnte ich mein Netzwerk vor Ort aufrechterhalten. Und so entstand auch über all die Jahre hinweg nach und nach die Idee zu meinem Projekt „B360“.

"Arbeitet man in einem Projekt wie B360 mit, ist dies ein ganz anderer Ansatz, denn das Ziel ist eine Win-win Situation." Sabina Ann Balmer, Gründerin B360 education partnerships

Was genau ist B360?

Kurzzusammengefasst geht es um ‚capacity building‘ im Südlichen Afrika. B360 besteht aus zwei Programmen. Erstens vermitteln wir Studenten aus dem südlichen Afrika ein Praktikum in der Schweiz. Dieses Jahr konnten wir zwölf Praktikumsplätze vergeben. Die Studenten kommen für drei Monate in die Schweiz, leben bei Gastfamilien und arbeiten bei unseren Partnerfirmen. Darunter sind die Credit Suisse, SQTS in Courtepin (Lebensmittelsicherheitslabor der Migros), HACO, Ferrum und neu auch Zweifel Pomy Chips. Dieses Programm nennen wir „Nordwärts“. Hier erhalten Schweizer Fachkräfte die Möglichkeit, einen Praktikanten zu fördern, ohne dass sie selber vor Ort nach Afrika reisen müssen. Die Studenten wiederum lernen in diesen drei Monaten unglaublich viel. Dieses Wissen können sie bei ihrer Rückkehr einsetzen – sei es im Beruf oder gegenüber ihren Mitstudenten und Familien. Dadurch entsteht ein „ripple effect“, der auch den regionalen Markt langfristig stärkt. Daneben bieten wir ein zweites Programm namens „Südwärts“ an. Hier wiederum reisen Schweizer Fachkräfte nach Afrika, um ihr Wissen den Studenten an unseren Partneruniversitäten vor Ort zu vermitteln und mit den lokalen Lehrkräften Wissen auszutauschen.

Wie stellen Sie sicher, dass diese Studenten dann auch wirklich in diesen Ländern arbeiten und nicht zurück nach Europa kommen wollen?

B360 funktioniert nur in Ländern mit stabile Verhältnisse. In Somalia oder in der DRC Kongo könnte man dies nicht anbieten, da die Leute nicht mehr zurück in ein Krisengebiet wollen. Unsere Studenten kommen aus Südafrika, Sambia und Namibia. Diese Studenten wollen wieder zurück in ihr Heimatland, um dort ihren Beitrag zu leisten. Auch nach Praktikumsende verfolgen wir die Studenten weiterhin genau. Wir haben eine Alumni-Gruppe gebildet mit mittlerweile 35 Mitglieder. Alle konnten nach dem Praktikum und Studienabschluss einen positiven Karrierestart hinlegen, denn mit einem guten Zeugnis einer Schweizer Firma sind die Chancen auf dem regionalen Arbeitsmarkt sehr gut. Mit unserem Projekt wollen wir Afrika beim Aufbau helfen. Wichtig ist mir auch, dass unser Projekt einen etwas anderen Ansatz verfolgt. In unserem Betriebsmodell müssen alle etwas beitragen, auch unsere Partner im südlichen Afrika. Wir schicken nie Geld oder Material nach Afrika, sondern nur Knowhow.

Was raten Sie Studenten, die gerne in die Entwicklungsarbeit einsteigen würden?

Hier muss aus meiner Sicht zwischen Nothilfe und internationaler Zusammenarbeit unterschieden werden. Nothilfe ist für mich ein separates Thema. Wenn im Zusammenhang mit der internationalen Zusammenarbeit vor allem ‚das Helfen wollen‘ im Vordergrund steht, empfehle ich Vorsicht. Jeder einzelne muss sich seiner Zielsetzung, was er eigentlich damit erreichen will, im Klaren sein. Meiner Erfahrung nach, gehen viele mit sehr viel Goodwill in ein Entwicklungsland und kommen danach desillusioniert zurück. Arbeitet man in einem Projekt wie B360 mit, ist dies ein ganz anderer Ansatz, denn das Ziel ist eine Win-win Situation. Wir arbeiten auf Augenhöhe mit lokalen Partnern. Gerade im Bildungssektor können wir so anstelle von Geld oder Material Know-how vermitteln und somit eine nachhaltige Lösung schaffen. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich auch einen Abstecher in die Privatwirtschaft sehr empfehlen. Die unternehmerische „for profit“ Führung finde ich eine wichtige Erfahrung auch für die Führung von Organisationen, die in der internationalen Zusammenarbeit tätig sind. Und genauso führe und organisiere ich B360, als ob es ein „for profit“ Unternehmen wäre.

Über Sabina Ann Balmer

  • 1992 Master of Arts in History, Betriebswirtschaft und Internationales Recht an der Universität Züriich
  • 1995 MAS on Developing countries an der ETH
  • 1994 Praktikum in Burkina Faso für das DEZA
  • 1995-2008 Credit Suisse (u.a. COO Asset Management)
  • 2009 Gründung B360 education partnerships
  • 2012 Gründung Balmer Management Support
  • Board Memberships : Zuger Kantonalbank (2015), Benevol Zug (2010-2016), B360 education partnerships (2009)

Über B360

B360 ist eine kleine Nonprofitorganisation mit Sitz in Zug und wurde 2009 gegründet. Das Betriebsmodell von B360 ist einzigartig, weil alle Beteiligten einen Beitrag leisten. B360 finanziert sich ausschliesslich aus Spenden, Gönnerbeiträgen und Pro Bono Leistungen zahlreicher Volunteers und Partnerorganisationen. Mehr dazu unter: http://www.b360-education-partnerships.org/de/

 
 
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Mon Apr 24 22:57:40 CEST 2017
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