Neues Weiterbildungsangebot: MAS in Collective Housing

05.09.2016 | Alumni Porträts

Von:  Judith Setz

Im Januar 2017 bietet die ETH zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit der Polytechnischen Universität Madrid (UPM) einen Master of Advanced Studies (MAS) in Collective Housing an. Der Kurs findet vor Ort in Madrid statt und dauert sechs Monate. „Update“ sprach mit Prof. Andrea Deplazes, Professor für Architektur und Konstruktion und Co-Studienleiter, über das einzigartige Weiterbildungsangebot sowie sein letztes grosses Projekt, die Monte-Rosa-Hütte.

Andrea Deplazes
Andrea Deplazes

Herr Deplazes, nächsten Januar bietet die ETH Zürich zusammen mit der Polytechnischen Universität Madrid (UPM) den MAS in Collective Housing an. Wie kam es zur Zusammenarbeit der beiden Universitäten? Und was ist der Vorteil für die Studierenden?

Vor ca. zehn Jahren wurde ich an die Polytechnischen Universität Madrid (UPM) eingeladen, um einen Kurs an der Architektur-Fakultät zu halten. Dort lernte ich Prof. Dr. J. M. de Lapuerta und seinen MAS in Collective Housing kennen. Ein solches Angebot gab und gibt es bis jetzt nirgendwo anders in Europa. Hier wird das Thema Wohnungsbau im internationalen Kontext behandelt. Dies ist für Schweizer Architekten aus zwei Gründen spannend: Nicht nur lernen sie so Wohnungsbau aus der spanischen oder lateinamerikanischen Perspektive kennen, sondern erhalten dank einem sechsmonatigen Aufenthalt in Madrid die Möglichkeit, eine wunderschöne Stadt näher kennenzulernen und interessante internationale Kontakte zu knüpfen. Lateinamerika steht stellvertretend für die wildesten Button-Up-Prozesse, aber auch für die diszipliniertesten siedlungstechnischen Wohnungsbauten – kurz, man kann dort zum Thema Wohnungsbau einiges lernen, was im angelsächsischen Raum nicht so leicht möglich ist. Umso spannender ist darum das Angebot am UPM. Da die UPM den Kurs bereits seit mehreren Jahren erfolgreich anbietet und es keinen Sinn machen würde, ein gleiches Angebot an der ETH einzuführen, entschlossen wir uns für eine Zusammenarbeit, welche nun das erste Mal im Januar 2017 startet.

An wen richtet sich dieses Weiterbildung?

Der MAS in Collective Housing richtet sich an alle Architektinnen und Architekten, die über einen Masterabschluss oder gleichwertigen Abschluss verfügen, bereits Praxiserfahrung im Wohnungsbau besitzen und sich nun weiterbilden möchten. Mit dem Kurs soll der Schwerpunkt im Bereich Entwurf mit integrierten Disziplinen erweitert und gestärkt werden. Im Rahmen von unterschiedlichen Projektarbeiten wird nach dem Vorbild der Praxis in Einzel- und Teamarbeiten verschiedenste Herangehensweisen trainiert.

Was erwartet die Kursteilnehmer?

Neben den individuellen Projektarbeiten in Form von Workshops, die durch erfahrene und bekannte Architekten und Experten geleitet werden, finden allgemeine Lehrveranstaltungen im Rahmen von Vorlesungen und Seminaren statt. Die inhaltliche Betrachtung und Auseinandersetzung reichen von städtebaulichen, soziologischen und ökonomischen Schwerpunkten bis hin zu konstruktiven Fragen der Umsetzung. In den einzelnen Workshops werden den Studierenden für ihre Projektarbeiten möglichst praxisnahe Trainingsmöglichkeiten angeboten. Im offenen Atelierbetrieb werden die (Einzel-)Arbeiten individuell besprochen und im Rahmen von Zwischen- oder Schlusskritiken im Plenum diskutiert. Dabei spielt der Einfluss der verschiedenartig ausgebildeten und geprägten „Wohnungsbaukulturen“ der Lehrenden und der Lernenden eine wichtige Rolle.

Wo finden die Kurse statt?

Das Studium findet in Madrid statt, wo an der Architekturschule ETSAM, d.h. dem Architekturdepartement der UPM, die besten Voraussetzungen dafür vorhanden sind. Zudem ist Madrid eine wunderschöne Stadt, mit wichtigen Kultur- und Architekturbeispielen. Dazu kommt, dass die Lebenshaltungskosten für die Studierenden in Spanien bei weitem nicht so teuer sind wie beispielsweise in Zürich. Dadurch erhalten auch Studierende, die nicht aus der Schweiz kommen, die Möglichkeit, den Kurs zu besuchen. Neben den intensiven Entwurfskursen, die als Workshops im Atelierbetrieb konzipiert sind und eine hohen Präsenz im Zeichnungssaal voraussetzen, findet zudem eine Studienreise innerhalb von Europa statt.

Wann startet der erste MAS in Collective Housing?

Der erste gemeinsame Kurs startet im Januar 2017 und dauert bis Juli 2017. Die Anmeldung für Interessierte ist ab sofort über die Webseite (mchmaster.com) möglich. Nach meinen bisherigen und aktuellen Informationen ist das Interesse gross und es sind auch bereits schon einige Anmeldungen eingegangen.

"Die wichtigste Lektion im Leben heisst darum „Verlieren lernen“ – und trotzdem mit Leidenschaft dranbleiben." Andrea Deplazes, Architekt und Professor

Wie verläuft der Anmeldeprozess? Wer kann sich anmelden? Und wie viele Studierende werden aufgenommen?

Um sich für den Kurs zu qualifizieren, müssen die interessierten Architektinnen und Architekten ein Bewerbungsverfahren durchlaufen. Auf der Webseite mchmaster.com ist ein entsprechendes Bewerbungsformular aufgeschaltet. Sie sind aufgefordert, ein Portfolio mit Arbeitsproben aus Studium und Praxis, ein persönliches Motivationsschreiben sowie zwei Empfehlungsschreiben einzureichen. Aus den so eingegangen Bewerbungen wählt die Studienleitung geeignete Kandidatinnen und Kandidaten aus, welche anschliessend zu einem Interview, das über Skype geführt wird, eingeladen werden. Insgesamt haben wir 25 Studienplätze zu vergeben.

Sie selber haben 1988 an der ETH abgeschlossen und anschliessend zusammen mit Valentin Bearth das Achitekturbüro Bearth & Deplazes gegründet. Was raten Sie Neuabsolventen, die ebenfalls gerne ein eigenes Büro aufmachen möchten?

Leidenschaft für seinen Beruf ist sicherlich etwas vom Wichtigsten. Wer Architektur studiert mit dem Ziel, nachher das grosse Geld zu verdienen, liegt total falsch. Gerade am Anfang einer Berufskarriere braucht es zudem viel Hartnäckigkeit und Durchhaltewillen, denn die Konkurrenz ist gross und schläft nicht. Und vor allem muss man eines können: Verlieren. Denn viele starten ihr eigenes Büro mit der Teilnahme an Wettbewerben. Und hier kann es jeweils nur einen Gewinner geben, auch ein Zweitplatzierter geht leer aus. Es ist ein bisschen wie im Spitzensport. Es gibt viele Sportler, aber nur wenige schaffen es an die Spitze, der Rest läuft im Mittelfeld. Die wichtigste Lektion im Leben heisst darum „Verlieren lernen“ – und trotzdem mit Leidenschaft dranbleiben.

Zusammen mit Ihren Studenten haben Sie die Monte-Rosa-Hütte geplant und damit neue Massstäbe für nachhaltiges Bauen in den Alpen aufgestellt. Was waren die grössten Herausforderungen?

Die neue Monte-Rosa-Hütte war zunächst ein Luftschloss. Im Vorfeld der 150-Jahre-Feier der ETH war an der Hochschule die Idee geboren, man könnte dem Schweizerischen Alpen Club (SAC) beim Bau einer neuen Hütte im Monte-Rose-Massiv behilflich sein. Es war eine unter vielen Jubiläumsideen und eigentlich glaubte niemand so wirklich daran. Die grösste Herausforderung war deshalb, die Einwände der Schulleitung und des SAC aus dem Weg zu räumen. Für uns war das Projekt vor allem auch aus folgenden Gründen sehr spannend: Mit dem Monte-Rose-Massiv fanden wir optimale Bedingungen vor, um sämtliche Fragen beim Wohnungsbau neu beantworten zu müssen. Die Studierenden mussten sich, im Gegensatz zu einem Bau innerhalb eines Siedlungsgebietes, mit Themen auseinandersetzen wie: Woher kommt Wasser? Woher die Elektrizität? Wie baut man auf abschüssigem Gelände und wo genau? Mit welchen Materialien? Wie bring man das Baumaterial überhaupt erst auf 2883 Meter über Meer? Wie sieht die Entsorgung aus? … Man hätte die Monte-Rosa-Hütte auch in der Stadt bauen können – aber dann wären viele Fragen schon im Vorherein beantwortet gewesen, mit denen sich unsere Studierenden auseinandersetzen mussten. Dadurch, dass sie sich diesen zum Teil simplen Alltagfragen stellen mussten, haben sie einen ganz anderen Verständnisgrad erreicht: Was heisst Nachhaltigkeit? Wie hängen die Dinge eigentlich zusammen, wo kann ich etwas unternehmen, d.h. wo bin ich als Architekt einflussreich und wo bin ich auf die Zusammenarbeit mit Spezialisten aus anderen Disziplinen angewiesen? Dies war eine ganz wichtige Lektion, denn heutzutage kann man als Architekt nicht mehr als Einzelkämpfer ein Projekt von A bis Z durchziehen. Mit dem Monte-Rosa-Studium schafften wir eine möglichst Praxis-nahe Situation. Zwölf Studierende, die vorher einen Bewerbungsprozess durchlaufen mussten, entwickelten so in einem mehrstufigen Prozess die Monte-Rosa-Hütte. Das Studio Monte Rosa war somit so etwas wie ein „architektonischer Flugsimulator“.

Haben Sie ein vergleichbares Projekt geplant?

Aktuell beschäftigen wir uns gerade intensiv mit der Lehre und der Frage, wie Entwurf und Konstruktion im Unterricht und Studium vermittelt werden können. Konkret bereiten wir, neben dem laufenden Lehrbetrieb, den 1. Jahreskurs der Architekturausbildung an der ETH vor, den wir im Herbst 2017 übernehmen werden. Bei erwarteten 300 Neueinsteigern auch eine logistische Herausforderung.

 
 
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