Dirk Helbing: «Die Menschheit steckt mitten in der Transformation zur Digitalen Gesellschaft»

14.10.2016 | Alumni Porträts

Von:  Judith Setz

Wir stehen vor dem grössten Umbruch seit der Industriellen Revolution. Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft in atemberaubender Geschwindigkeit. Der Umbruch bringt jedoch nicht nur Risiken, sondern auch die Möglichkeit, die Gesellschaft und Wirtschaft neu zu gestalten. Das Jobjournal sprach mit ETH Alumnus Dirk Helbing, Professor für Soziologie an der ETH Zürich, über die Gefahren und Chancen der Digitalen Revolution.

Prof. Dr. Dirk Helbling copyright Davide Caenaro
Prof. Dr. Dirk Helbling copyright Davide Caenaro

Prof. Helbing, uns steht der grösste Umbruch seit der Industriellen Revolution bevor: die Digitale Revolution. Was müssen wir darunter verstehen?

Wir erleben einen perfekten Sturm. Innerhalb weniger Jahre gibt es plötzlich Soziale Netzwerke, Smartphones, Cloud Computing, Big Data, Künstliche Intelligenz, Cognitive Computing, Internet der Dinge, Cyber-Physische Systeme und Blockchain Technologie, um nur einige Umwälzungen zu nennen. Uber ist der grösste Anbieter von Transportdienstleistungen, besitzt aber keine Fahrzeuge. Airbnb verkauft am meisten Übernachtungen, besitzt aber weder Betten noch Hotels. Die Banken fürchten sich vor Bitcoin und sehen ihr klassisches Geschäftsmodell durch Blockchain Technologie bedroht. Google möchte «Transport als Service» anbieten und dasselbe Mobilitätslevel mit weniger als 20 Prozent der heutigen Fahrzeuge erzielen. Häuser kann man nun mit 3D-Druckern im Rekordtempo bauen. Die Verwaltungsroutinen werden bald von künstlichen Intelligenzsystemen übernommen. Die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft werden sich transformieren. Nach dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft und von dieser zur Servicegesellschaft stecken wir nun mitten in der Transformation zur Digitalen Gesellschaft. Neben der Industrie 4.0 werden wir Governance 4.0, Finance 4.0 und Gesellschaft 4.0 erleben.

Mehrere prominente Studien gehen davon aus, dass durch die Digitale Revolution rund 50 Prozent der heutigen Arbeitsplätze verloren gehen und durch Robotik ersetzt werden. Teilen Sie diese Meinung?

Ich denke, es werden in der Tat sehr viele klassische Jobs wegfallen. Alles, was man automatisieren kann, wird man allmählich automatisieren. Schwere, gefährliche, schmutzige und Routinearbeiten werden Algorithmen und Roboter übernehmen. Diese Entwicklung wird selbst vor dem Mittelstand nicht Halt machen. Auch Ärzte und Juristen werden betro­en sein.

Bei der Industriellen Revolution konnte ein Teil der verlorenen Arbeitsplätze aus der Landwirtschaft durch neue Arbeitsplätze in der Industrie kompensiert werden.

Das ist richtig, aber bevor man dahin kam, gab es schwere Finanz- und Wirtschaftskrisen, Revolutionen und Kriege. Das müssen wir diesmal besser hinkriegen. In der Servicegesellschaft hat man neue Jobs geschaffen, indem man viele neue Regulierungen einführte. Aber heute leben wir in Zeiten von Überregulierung und müssen uns etwas Neues ausdenken. Mein Team arbeitet daran. 

Der Verlust der Arbeitsplätze wird sich auf unsere Gesellschaft auswirken. Sind die Regierungen darauf vorbereitet?

Es hat nicht den Anschein. Man hofft immer noch, dass der Wirtschaftsmotor irgendwann wieder anspringt und die Krise sich damit von allein erledigt. Aber bisher haben die Billionen, die das Federal Reserve System (FED) und die Europäische Zentralbank (EZB) in die Märkte gepumpt haben, das erhoffte Wirtschaftswunder nicht bewirkt. An das Thema «Bedingungsloses Grundeinkommen» hat man sich noch nicht herangewagt, obwohl es die Verunsicherung der Bevölkerung und den Populismus wirksam bekämpfen, Kaufkraft generieren und die Nachfrage ankurbeln könnte. Ich persönlich befürworte stattdessen, oder ergänzend, ein Upgrade des Kapitalismus mittels eines sozio-ökologischen Finanzsystems – ich nenne es Finance 4.0. Bürger würden dann die Externalitäten um sie herum messen und die Daten teilen. Dabei würden sie verschiedene Arten von Geld verdienen und automatisch Steueraufkommen generieren. Die Externalitäten könnte man in neuartigen Finanzmärkten handeln. Damit würde man neue Anreizsysteme kreieren, welche das Management komplexer Systeme unterstützten. Wenn das richtig aufgesetzt wird, dann könnte man mit neuen ökologischen und sozialen Lösungen Geld verdienen, und es entstünde eine ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft. Die Ressourcenengpässe der Zukunft und die Umwelt- und Klimaprobleme würden lösbar, genauso wie soziale Probleme. Das entstehende Wirtschaftssystem wäre effizient, liberal, innovativ, partizipativ, sozial und ökologisch. Durch eine Kombination von Internet der Dinge, Blockchain Technologie und Komplexitätsforschung könnte man es nun realisieren.

«Es werden viele klassische Jobs wegfallen. Die Digitalisierung wird selbst vor dem Mittelstand nicht Halt machen.» Prof. Dr. Dirk Helbling

Wie sieht es für die Schweiz aus?

Noch geht es uns besser als anderen Ländern. Dadurch wiegen wir uns in Sicherheit. Aber am Ende kann alles ganz schnell gehen. Man muss handeln, solange man noch Handlungsspielräume und finanzielle Ressourcen hat.

Sind die Firmen darauf vorbereitet?

Die Firmen sehen die Probleme, aber sie sagen meist, dass diese von der Politik gelöst werden müssen. Jede Firma muss ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen und gegebenenfalls neue Pfade einschlagen. Vielleicht ist eine Umorganisation zu empfehlen, etwa so wie sich Google in Alphabet umstrukturiert hat.

Die Digitale Revolution wirkt sich nicht nur auf unsere Arbeitsplätze aus. Auch im Privatleben sind wir davon betroffen. Immer mehr persönliche Daten von uns werden im Internet gespeichert, ohne dass wir die Datenhoheit darüber haben. Wie können wir verhindern, zu einer Digitalen Überwachungsgesellschaft zu werden, ohne Kontrolle über unsere eigenen Daten?

Wir leben bereits in einer Überwachungsgesellschaft. Viele Experten sind sich einig, dass die technologischen Möglichkeiten längst das überschreiten, was in George Orwells Buch 1984 beschrieben ist. Ich sage es ganz klar: wenn die Bürger das so hinnehmen, leben wir bald in einem datengetriebenen Feudalismus 2.0, Kommunismus 2.0 oder Faschismus 2.0. Wenn die digitalen Technologien in die falschen Hände geraten, droht uns das totalitärste Regime, das die Welt je gesehen hat. Andererseits erlauben digitale Technologien auch, die Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen und Gesellschaftsmodelle umzusetzen, die bis vor kurzem utopisch erschienen. Nun sind positive Zukunftsvisionen gefragt. Die Öffentlichkeit muss sich überlegen, wo sie hin will. Auch Demokratie 2.0 und Kapitalismus 2.0 sind möglich.

Die Digitale Revolution bringt, wie oben bereits erwähnt, viele Risiken mit sich, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, Verlust der Datenhoheit, destabilisierte Gesellschaften. Sehen Sie auch Chancen für die Menschheit?

Aber natürlich! Die Automatisierung würde es uns erlauben, uns vermehrt auf Dinge zu konzentrieren, die wir in der Vergangenheit vernachlässigt haben: Umwelt und Soziales, zum Beispiel. Neben der Transformation der Digitalen Gesellschaft müssen wir den Umbau zur kohlenstofffreien Wirtschaft bewältigen. Das wird durch die Freisetzung von Arbeitskraft und Kreativität überhaupt erst möglich. An der Schnittstelle zwischen Digitalem und Ökologischem werden viele neue Geschäftsmodelle, Produkte und Services entstehen. Produkte und Services werden persönlich passfähiger und diverser werden. Die Arbeit wird kreativer sein. Wir werden uns weniger auf den Erwerb materieller Güter konzentrieren und mehr auf immaterielle, informationsbasierte Güter und Services. Ideen und virtuelle Welten werden immer wichtiger werden. Mittel- oder langfristig werden wir klar in einer besseren Welt leben. Die Frage ist nur: kommen wir da einigermassen glatt und unbeschadet hin, oder verstricken wir uns erst in totalitäre Lösungen, Kriege und Revolutionen? Es hängt wirklich von uns ab, aber wenn es gut werden soll, muss vieles anders werden …

Welche Akteure werden am meisten davon profitieren?

Wenn wir es falsch anpacken, dann läuft es auf eine Umverteilung und eine extreme Ungleichheit hinaus. Profitieren werden dann nur sehr wenige. Wenn wir es richtig anpacken, können alle profitieren, denn die digitalen Möglichkeiten sind im Prinzip unbegrenzt und bieten damit Chancen für jeden. Statt den Kuchen anders zu verteilen, würden wir einen immer grösseren Kuchen backen, und zwar auf umweltfreundliche Art. Durch die Ermöglichung kombinatorischer Innovation könnte unsere Wirtschaft und Gesellschaft ein neues Level erreichen, während die Erfolgsprinzipien der Servicegesellschaft – Globalisierung, Optimierung und Administration bzw. Regulierung – jetzt an ihre Grenzen stossen. In der Netzwerkökonomie müssen wir auf neue Erfolgsprinzipien setzen: Ko-Kreation, Ko-Evolution und Kollektive Intelligenz. Die digitale Wirtschaft der Zukunft stellt man sich am besten als Informations-, Innovations-, Produktions-, und Service-Ökosystem vor. Digitale Plattformen werden Kreativität, Innovation, bessere Entscheidungen, Koordination, und Kooperation fördern.

 

 
 
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