Alexander Jäger: «Wir brauchen mehr ETH-ler in der Politik»

05.01.2017 | Alumni Porträts

Von:  Felix Würsten

Auch wenn er kein Forscher wurde, so ist ETH-Alumnus Alexander Jäger heute doch auf mehreren Ebenen eng mit der ETH Zürich verbunden: als Politiker, als Branchenvertreter und als Quartiervereinspräsident.

Alexander Jäger, ETH Alumnus
Alexander Jäger, ETH Alumnus

Er hat bewusst nie Autofahren gelernt, verzichtet seit über 25 Jahren aufs Fliegen und sammelt mit Überzeugung kompostierbare Abfälle: Alexander Jäger gehört zweifellos zu jenen Politikern, die ihr politisches Credo auch im persönlichen Alltag ernst nehmen. Bereits ein kurzer Blick auf seine Website zeigt, dass dem FDP-Politiker Umweltanliegen besonders am Herzen liegen. Doch obwohl er sich dezidiert für einen nachhaltigeren Umgang mit unseren Ressourcen einsetzt und überzeugt ist, dass unsere heutige Lebensweise längerfristig nicht tragbar ist, vertritt er seine Anliegen alles andere als missionarisch. «Ich bin zwar überzeugt, dass die Art und Weise, wie wir herumreisen, nicht sinnvoll ist», meint er. «Doch vielleicht liege ich ja auch falsch. Ich bin jedenfalls nicht der Ansicht, ich hätte die Weisheit für mich gepachtet.» Für Umweltthemen interessiert sich Alexander Jäger bereits seit seinen Jugendjahren. «Ich wusste bereits relativ früh, dass ich irgendetwas mit Umwelt studieren will.» Geprägt wurde er in seiner Haltung von seinem Chemielehrer am Gymnasium, der ihn für die Thematik sensibilisierte. In seinem Studium an der ETH Zürich wählte er dann Umweltmikrobiologie als Vertiefungsrichtung. «Meine Diplomarbeit schrieb ich an der Eawag in Dübendorf zum Thema Zuckerabbau von Kolibakterien», erinnert er sich lachend. Eigentlich hätte er danach gerne als Forscher gearbeitet. Doch daraus sei leider nichts geworden. «Nun setze ich mich eben in der Politik für Umweltanliegen ein.»

«Es ist beeindruckend,was die ETH auf dem Hönggerberg erreicht hat.» Alexander Jäger

Seit der Studienzeit politisch aktiv

Politisch aktiv ist Jäger seit seiner Studentenzeit, als er den Jungfreisinnigen beitrat. «Ich wollte ökologisch etwas bewegen und war überzeugt, dass man das auch in einer freiheitlichen Wirtschaftspartei machen kann», erklärt er seine Wahl. Seinen ersten grossen Einsatz hatte er im Vorfeld zur eidgenössischen Abstimmung im September 2000. Die Jungfreisinnigen engagierten sich damals – im Gegensatz zur Mutterpartei – für die Einführung einer Energielenkungsabgabe. Jäger leitete den Abstimmungskampf im Kanton Zürich, zusammen mit den anderen Jungparteien. «Selbst die junge SVP war damals mit im Boot», erinnert er sich. Auch wenn die Abstimmung verlorenging: Für Jäger war das Engagement ein Sprungbrett. 2002 wurde er Gemeinderat der Stadt Zürich. Bereits nach wenigen Monaten machte er einen Vorstoss, der nach vielen Jahren schliesslich zum Erfolg führte. Jäger regte mit einer Motion an, in der Stadt Zürich Grüngut separat zu sammeln und in einer Biogasanlage zu verwerten. Elf Jahre dauerte es, bis es schliesslich so weit war. Es war ein zäher Kampf, wie Jäger einräumt. «Es gibt nicht viele Gemeinderäte, denen es gelingt, gegen den Willen des Stadtrats ein solches Vorhaben durchzusetzen.» Dass es in der Politik zuweilen viel Geduld braucht, erlebt er nicht als frustrierend. «Man muss einfach wissen, welche Rolle man hat», meint er lakonisch. Für einen Parlamentarier – zumal wenn man in der Minderheit sei – seien die Möglichkeiten eben beschränkt. «Am einfachsten ist es noch, etwas zu verhindern.» Trotzdem: Er ärgert sich immer noch, wenn er daran denkt, wie die zuständige Behörde damals versuchte, mit einem externen Gutachten die Biogasanlage zu verhindern. «Die Vorgaben wurden so gewählt, dass das Resultat negativ ausfallen würde», erklärt er. «Wenn man sich in einem solchen Moment als Parlamentarier nicht unterkriegen lassen will, muss man etwas von der Sache verstehen. Als Naturwissenschaftler konnte ich das zum Glück.» Gerade auch diese Erfahrung bestärkt Jäger in seiner Ansicht, es brauche in der Politik mehr Naturwissenschaftler und Ingenieure, die über ein entsprechendes Fachwissen verfügen.

«Wenn alle stur auf dem Maximum beharren,kommen wir nicht weiter.» Alexander Jäger

Das Quartier profitiert

Jäger, der auch Vorstandsmitglied von «ProVelo Zürich» und Kassier beim Verein «Zürich erneuerbar» ist, vertritt Positionen, die nicht unbedingt von allen Parteikollegen geteilt werden. Doch das ficht ihn nicht gross an. Zum einen sei seine Partei nicht per se gegen Umweltanliegen. Zum anderen seien etliche Anliegen, die in den 1990er-Jahren noch vehement bekämpft wurden, heute allseits anerkannt. «Bei gewissen Ideen braucht es einfach Zeit, bis sie sich durchsetzen.» Für ihn ist klar, dass es immer wieder den guten helvetischen Kompromiss braucht. «Es ist einfach nicht zukunftsfähig, wie in der Stadt Zürich zum Beispiel über Verkehrsfragen gestritten wird. Wenn alle stur auf dem Maximum beharren, kommen wir nicht weiter.» 2015 verliess Jäger die Gemeindepolitik und wechselte in den bürgerlich geprägten Kantonsrat. «Wenn man in der Mehrheit ist, muss man sorgfältiger darauf achten, wie man Vorstösse formuliert. Denn es könnte ja sein, dass sie dann so umgesetzt werden», erzählt er schmunzelnd. Was er in seiner neuen Rolle vermisst, ist, dass er nun weniger Kontakt zur Bevölkerung hat. Immerhin: Als Quartiervereinspräsident von Höngg kann er die von ihm geschätzten direkten Begegnungen immer noch pflegen. «Das ist eine befriedigende Aufgabe, weil wir den Menschen im Quartier viel bieten», erzählt er. In dieser Funktion verfolgt er natürlich auch gespannt die Entwicklung der ETH auf dem Hönggerberg. «Ich finde es beeindruckend, wie die ETH dort einen lebendigen Campus geschaffen hat. Das wirkt sich auch auf unser Quartier positiv aus.»

Unterschätzte Berufsgattung

Doch Jäger hat noch auf einer weiteren Ebene einen engen Kontakt mit der ETH: In seinem Hauptberuf ist er stellvertretender Geschäftsführer des Berufsverbandes Swiss Engineering, der die Anliegen der Ingenieure gegen aussen vertritt. Die Ingenieure würden zu wenig wahrgenommen, findet er. «Dabei sind sie für unser Land enorm wichtig, denn
letztlich sind sie es, die mit neuen Ideen und Produkten unsere Wirtschaft konkurrenzfähig halten.» Als Branchenvertreter setzt sich Jäger einerseits dafür ein, dass naturwissenschaftliche und technische Fächer in der Schule mehr Gewicht erhalten. Andererseits engagiert er sich auch dafür, dass die Ingenieure angemessen entlöhnt werden und sich auf der politischen Ebene mehr Gehör verschaffen. «Die Hälfte der Ingenieurinnen und Ingenieure verdient im Jahr weniger als 117 000 Franken. Mit einem solchen Salär würde sich eine Ärztin oder ein Anwalt wohl nicht zufriedengeben», stellt er fest. Wichtig ist ihm aber auch, dass er als Akademiker und Politiker den Bezug zur harten Arbeitsrealität nicht verliert. Deshalb hat er auch seinen Nebenjob beibehalten, mit dem er im Studium sein Geld verdiente. Auch heute noch trägt er am Sonntagmorgen in Höngg regelmässig Zeitungen aus – selbstverständlich mit dem Velo, wie er betont. Dabei erfuhr er selbst am eigenen Leib, welch widrige Umstände in dieser Arbeitswelt teilweise herrschen. Nachdem die Post den Austrag der Zeitungen von den grossen Verlagshäusern übernommen hatte, kürzte sie den Verträgerinnen und Verträgern aus Kostengründen das Gehalt auf einen Schlag um circa 20 Prozent. «Es gibt Menschen, die leben von dieser Arbeit. Und für sie war das ein gravierender Einschnitt», erklärt Jäger. «Was eine solche Massnahme konkret bedeutet, das erfährt man als Kantonsrat üblicherweise nicht."

SWISS ENGINEERING
Der Branchenverband Swiss Engineering ist mit rund 13 000 Mitgliedern das grösste berufliche Netzwerk der Ingenieure und Architekten in der Schweiz. Seit über 100 Jahren setzt sich der Verband für die Berufsinteressen seiner Mitglieder in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft ein und unterstützt sie mit spezifischen Angeboten in ihrem Berufsalltag, unter anderem mit einer jährlichen Salärumfrage sowie verschiedenen Fachveranstaltungen. Dem Dachverband sind 24 Fachgruppen und 25 lokale Sektionen angeschlossen.

 
 
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Thu Aug 17 01:44:07 CEST 2017
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