«Risiko liegt im Auge des Betrachters»

12.01.2017 | Alumni Focus

Von:  Monika Huber

Am 29. November 2016 lud die ETH Alumni Vereinigung zum Focus Event „Fürchten wir uns vor dem Richtigen“ ein. Gespannt hörten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dem Vortrag von Referent Dr. Walter Rüegg zu, Kernphysiker und ehemaliger Chefphysiker der Armee, der sich intensiv mit zivilen und militärischen Nuklearkatastrophen sowie Risikowahrnehmung und -kommunikation befasst.

Focus Event 29.11.2016
Der ETH Alumni Focus Event im Dozentenfoyer

Im Anschluss an das Referat von Dr. Walter Rüegg brachte Dr. Stefan Brem, Stellvertretender Chef Bevölkerungsschutzpolitik und Chef Risikogrundlagen und Forschungskoordination, als Vertreter des Bundesamts für Bevölkerungsschutz (BABS) seine Ansicht in die Podiumsdiskussion mit ein. Moderiert wurde dieser Anlass von Matthias Holenstein, Geschäftsführer Stiftung Risiko-Dialog St. Gallen. In der darauf entstandenen regen Diskussion und während des Apéros erhielten die Teilnehmenden die Chance, den Referenten Fragen zu stellen und sich untereinander auszutauschen. 

Ängste sind subjektiv

Jeder Mensch hat Angst vor Gefahren. Im Jahr 2013 wurden Schweizerinnen und Schweizer im Rahmen einer Umfrage des SRF und der ETH gebeten, ihre eigene Angst vor Gefahren einzustufen. Die Atomkraft stand mit 61% an oberster Stelle, dicht gefolgt von der Angst vor Terrorismus, Gentechnik in der Landwirtschaft und Klimawandel. Walter Rüegg betonte in seinem Vortrag, dass Umfragen nicht die reale Eintrittswahrscheinlichkeit reflektieren, sondern die Ängste der Menschen widerspiegeln. Im Gegensatz zu Statistiken z.B. über Sterberaten bei Rauchern ist eine Statistik zu den Folgen von nuklearen Unfällen jedoch kaum erstellbar, da die Zahl der Vorfälle relativ gering ist. „Das absolute oder wirkliche Risiko“, so Walter Rüegg, „wird verwässert oder verstärkt durch verschiedene Faktoren. Szenarien werden übertrieben und Ängste werden geschürt.“

Was gefährdet uns?

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz hat Gefährdungen für die Menschen in der Schweiz untersucht. 200 Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten haben sich mit möglichen Szenarien für die Gesellschaft auseinandergesetzt. Dabei wird eine Strommangellage mit einer relativ hohen Eintrittswahrscheinlichkeit eingeschätzt und befindet sich mit einem möglichen Vorkommen alle ca. 30-40 Jahre auf einer vergleichbaren Stufe mit einer Pandemie. In den letzten Jahrzehnten gab es zwar nur einen landesweiten Stromausfall. Kommt es aber zu einer solchen Katastrophe, kann dies fatale Folgen haben. Wie die Gesellschaft mit diesen umgeht, spielt dabei eine wichtige Rolle. Eine gute Vorbereitung kann negative Folgen weitgehend reduzieren: Notvorrat spielt nach wie vor eine wichtige Rolle. Kernkraftunfälle mit Austritt von nuklearem Material treten nur sehr selten auf und trotzdem stellen sie gesellschaftlich eine der grössten Ängste dar.

Fukushima – Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen

Fukushima ist ein solches Beispiel für eine nukleare Katastrophe. Ausgelöst wurde diese durch einen Tsunami. Zwar waren die Anlagen in massiven Betongebäuden, durch dicke Mauern geschützt. Das Wasser drang jedoch durch die schlecht gesicherten Tore ein und zerstörte die Nachkühlungssysteme. Kurz nach der Katastrophe wurde vom Tokyo Institute of Technology eine Analyse verfasst, in der das Kraftwerk in Beznau als Vorbild dargestellt wurde. Beznau ist praktisch gleich alt wie Fukushima I, aber verfügt über redundante Notkühlsysteme, eingebaut in Bunkern mit einem Meter dicken Betonwänden und Panzertüren. Zusammen mit weiteren Sicherheitssystemen, die in Fukushima fehlten, kann das Risiko einer nuklearen Katastrophe extrem klein gehalten werden.

Wie sicher ist ein Kernkraftwerk?

Die erste Generation der Kernkraftwerke hatte eine Kernschmelzungsrate von etwa einem Promille pro Jahr, rund ein Dutzend Kernschmelzen kamen in den 50er- und 60er-Jahren vor. Bei Kernkraftwerken der zweiten und vor allem der (heutigen) dritten Generation ist das Risiko um mehrere Grössenordnungen kleiner, da viel mehr Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden. Kernschmelzen führen meistens nicht zu einer Freisetzung von Radioaktivität, dafür sorgen verschiedene Barrieren wie das massive Reaktordruckgefäss und das Containment. In Zukunft sollen die Kernkraftwerke noch sicherer werden, insbesondere durch den Bau von inhärent sicheren Reaktoren.

Was bringt uns wirklich um?

Die häufigsten Todesursachen sind Herzkreislaufprobleme, Krebs, Demenz und Unfälle. Aber Fakt ist: Wir leben heute viel länger. Der Wohlstand und die Lebenserwartung sind enorm gestiegen. „Wir leben im Paradies und merken es nicht“, erklärte Walter Rüegg den Zuhörern. „Wir Menschen sind heute weniger risikobereit oder fordern gar ein Nullrisiko, doch das Risiko zu Sterben ist 100 Prozent. Krebs ist das grosse Schreckgespenst. Wir haben Angst, dass wir, wenn wir einer kleinen Strahlendosis ausgesetzt werden, an Krebs erkranken. Aber selbst eine nahezu tödliche Schockdosis führt „nur“ zu einer Verdoppelung der natürlichen Krebsrate im Alter. Streng genommen, „verursacht“ die Strahlung nicht eine Krebserkrankung, sie beschleunigt den „natürlichen“ Krebsprozess, wie z.B. Fettleibigkeit oder Bewegungsmangel auch. Wir können durch einen gesunden Lebensstil diesen Prozess verzögern. Faktoren wie genetische Veranlagung, unser Essverhalten und unsere Aktivität prägen diesen Prozess. Unsere Lebenserwartung ist zudem stark vom sozioökonomischen Status, von der Feinstaubbelastung, von unseren „Lastern“ (z.B. Rauchen, Trinken) und von psychosomatischen Faktoren abhängig.“

Zusammenarbeit, um ein Risikobild zu erstellen

Das Bild von Risiken wird in der heutigen Zeit verklärt. So thematisiert die Politik zumeist aktuelle Ereignisse, die nicht die wirklichen Risiken für unsere Gesellschaft darstellen. Schwerpunkte werden nach Aktualität und Interesse am Thema gesetzt. Prioritäten wurden oft historisch bedingt gesetzt und spiegeln nicht die aktuelle Lage wieder. Die Referenten waren sich einig, dass eine Verbindung zwischen den Bundesämtern, der Vergleich von Risiken und eine Verknüpfung dieser sinnvoll ist. Um ein Risikobild zu erstellen, müssen auch die Eintrittswahrscheinlichkeiten von Terrorakten, Erdbeben und anderen Gefahren miteinander verglichen werden, auch wenn diese auf den ersten Blick nicht vergleichbar erscheinen. Stefan Brem betonte, dass Tschernobyl ein wichtiger Auslöser für den verstärkten Schutz vor Radioaktivität war und weitere Geschehnisse oder Katastrophen die Frage nach der Sicherheit der Bevölkerung und neue Priorisierungen ausgelöst haben. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz legt seinen Fokus auf Risikoanalysen auf nationaler und kantonaler Stufe und bietet die entsprechenden Grundlagen und Ergebnisse für vertiefte Arbeiten an, z.B. vorsorgliche Planungen und den Schutz kritischer Infrastrukturen.

 
 
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